»Wenn die Krieger der Ogellallah nun zu ihren Weidegründen zurückkehren,
mögen sie immer daran denken, dass ihre roten und weißen Brüder alle Kinder
des großen Manitou sind, der will, dass sie in Frieden miteinander leben.«
[Old Shatterhand]


Auf dem Miller-Label EUROPA sind in den Jahren 1968 bis 1977 insgesamt 29 Hörspiele veröffentlicht worden, die auf den Büchern des deutschen Autors Karl May beruhen. In der folgenden Rubrik soll Karl May vorgestellt und untersucht werden, warum seine Romane für den Hörspielmarkt der 1960'er und 1970'er im Allgemeinen so interessant waren, und warum im Speziellen die Hörspiele von EUROPA stark voneinander abweichen.



Der Autor

Karl Friedrich May wurde am 25.02.1842 in Ernstthal (Königreich Sachsen) geboren. Er wuchs unter ärmlichsten Verhältnissen auf. In der Weberfamilie war er das fünfte von vierzehn Kindern, von denen neun schon in den ersten Lebensmonaten verstarben. Trotz ständigen Mangels an Geld erreichte es May, ein Studium im Lehrerseminar in Waldenburg anzutreten. Auf Grund eines Diebstahls wurde er versetzt und führte sein Studium am Lehrerseminar Plauen weiter. Als er auch hier bei einem Diebstahl ertappt und zu einer mehrwöchigen Haftstrafe verurteilt wurde, war an eine Ausbildung als Lehrer nicht mehr zu denken. Karl May verdiente seinen Lebensunterhalt fortan hauptsächlich als Privatlehrer. Als er erneut straffällig wurde, landete er schließlich für über drei Jahre im Zuchthaus Zwickau. Auf Grund guter Führung wurde er Verwalter der Anstaltsbibliothek und nutzte die Gelegenheit, viel Reiseliteratur lesen zu können. Nach Flucht und Wiederergreifung saß er über drei weitere Jahre im Zuchthaus Waldheim ab. Erst nach dieser zweiten hohen Haftstrafe gelang es May im Jahr 1874, bei einem Dresdner Verleger eine feste Anstellung zu erhalten. Ab 1878 war er freier Schriftsteller und lieferte an mehrere Verlage regelmäßig Beiträge ab, sodass bis zu seinem Tode über hundert Erzählungen in Fortsetzungen in diversen Zeitschriften veröffentlicht wurden. 1891 bot ihm der Verleger Friedrich Ernst Fehsenfeld an, seine Erzählungen in Buchform herauszubringen. Dies brachte für Karl May den Durchbruch. Er wurde zu einem der meistgelesenen Autoren deutscher Sprache und zu einem der am häufigsten übersetzten deutschen Schriftsteller. Die weltweite Auflage seiner Werke wird heute auf 200 Millionen geschätzt, davon 100 Millionen allein in Deutschland.

Karl Mays Reiseerzählungen spielen in der Hauptsache in den Vereinigten Staaten von Amerika (dem "Wilden Westen") und dem Vorderen Orient des 19. Jahrhunderts. Ein wesentliches Merkmal seiner Romane und Erzählungen ist der Umstand, dass ein bestimmter Figurenkosmos existiert, aus dem sich immer wieder bedient wird. May stellte sich selbst in Form Old Shatterhands (im Wilden Westen) und Kara Ben Nemsis (im Orient) dar, der über enorme Kräfte, Erfahrung und Wissen verfügte. Im Laufe der Jahre ließ sich May in Wildwest- und Orientkostümen fotografieren und untermauerte damit seine Behauptung, er habe all die von ihm beschriebenen Abenteuer selbst erlebt. Diese Darstellungen gipfelten während seiner Vortragsreisen darin, dass er 1897 behauptete, 1200 Sprachen und Dialekte zu beherrschen und als Nachfolger Winnetous über 35.000 Apachen zu befehligen. Während der Hauptteil seiner Leserschaft ihm die Wahrhaftigkeit seiner Darstellungen glaubte, wuchs die Zahl seiner Zweifler und Gegner immer mehr an. Zum Vorwurf der Legendenhaftigkeit in der Übereinstimmung seiner Person mit denjenigen Old Shatterhands und Kara Ben Nemsis traten Gerüchte, May habe in seinen Anfangsjahren als Autor pseudonym auch sogenannte Schmutzliteratur verfasst. Auch seine Gefängnisaufenthalte und Vorstrafen wurden öffentlich diskutiert. Der zunächst gefeierte Autor wurde bis zu seinem Tod am 30. März 1912 diffamiert und mit Prozessen überzogen. Er liegt auf dem Friedhof Radebeul-Ost in Radebeul/Dresden begraben, nahe seinem letzten Wohnsitz, der Villa Shatterhand.



Das Werk

Karl Mays Werk ruft bis heute sehr gegensätzliche Reaktionen hervor. Ähnlich wie zu seinen Lebzeiten teilt sich das Publikum in eine Gruppe, die die Vermischung der Romanfiktion Mays mit seiner faktischen Biographie als eine legitime Art und Weise künstlerischen Schaffens anerkennt oder die Romane - auch mit den Bezügen auf den tatsächlichen May - ganz von dessen Biographie ablöst. Die andere Form der Rezeption entspricht derjenigen, die ebenso schon zu Lebzeiten Mays auf dem Plan war: Diese Gruppe wirft May Prahlerei, Größenwahn, ja sogar einen pathologischen Hang zum Lügen vor.

Zwar mag beides nicht völlig voneinander zu trennen sein, doch versöhnt letztendlich der Umstand, dass May in nahezu all seinen Werken im Grunde nicht die Heldenfigur - egal, ob sich selbst oder andere - in den Vordergrund stellt, sondern stattdessen die grundsätzliche Idee, in gefahrvollen Situationen und dem Feind gegenüber immer dem christlichen Glauben entsprechend Nächstenliebe und Gnade walten zu lassen. Auch wenn die Romane ein gewisses Maß an Gewalt beinhalten - schließlich sind es Abenteuerromane - so werden "die Guten" angeleitet, im Falle des Sieges stets "die Bösen" zur Einsicht und zum Niederlegen der Waffen zu bewegen. Ziel ist das gewaltfreie, friedliche Miteinander der Einzelnen und ganzer Völker. (Nichtsdestotrotz finden sich neben diesen altruistischen Ansätzen auch viele dem damaligen Zeitgeist entsprechenden, andere Völker und Rassen betreffende Klischees in Mays Werken.) Aus der Einsicht in die christliche Glaubensform wird aus dem Apatschenhäuptling Winnetou, der beim Kennenlernen Old Shatterhands auf "die Weißen" nicht gut zu sprechen ist, im Laufe der Jahre nach eigenen Worten ein Christ. Es ist kein Zufall, dass Winnetou am Ende von Winnetou III sein Leben für andere opfert. Die Literaturwissenschaft hat hier messianistische Züge des unnahbaren und nahezu unfehlbaren Winnetou registriert. Dem in den Abenteuerromanen dargestellten Pazifismus folgte im Alterswerk Mays eine geradezu symbolistische Ausrichtung zum Weg ins "Reich des Edelmenschen".

Im Figurenkosmos Karl Mays existieren die klassischen Helden, die typischen Bösewichte, aber auch die "komischen Figuren", die den Helden zuzuordnen sind. Protagonist, oft auch Erzähler und Held, ist die Figur des Old Shatterhand (»Alte Schmetterhand«), hinter der Karl May zu sehen ist. Er wird von seinem Blutsbruder Winnetou Scharlih (»Charley«) gerufen, was auf Karl (May) zurückzuführen ist. Dieselbe Figur trägt in den im Vorderen Orient spielenden Erzählungen den Namen Kara Ben Nemsi (»Karl, Sohn der Deutschen«). Old Shatterhand führt stets zwei Gewehre mit sich: Einen Henrystutzen und einen Bärentöter. Im Wilden Westen reitet er das Pferd Hatatitla, im Orient Rih. Winnetou ist Häuptling der Mescalero-Apachen und verkörpert den edlen, guten Indianer. Er ist mit einer Silberbüchse bewaffnet und reitet das Pferd Iltschi. Weitere Helden sind im Wilden Westen zum Beispiel Old Firehand und Old Surehand. Zu den eher kauzigen Gestalten oder Helden von kurioser Gestalt gehören zum Beispiel Sam Hawkens, Dick Stone, Will Parker, Tante Droll, Hobble Frank, der dicke Jemmy und der lange Davy, die in der Regel eine deutsche Herkunft haben. Für den Part der Orientromane ist der Engländer Sir David Lindsay anzuführen und selbstverständlich Hadschi Halef Omar. Im mutigen und doch sehr fehlerhaften, vorlauten Halef hat sich Karl May nach eigener Aussage ein Alter Ego geschaffen. Bekannte Übeltäter sind zum Beispiel Santer, der rote Cornel, der Schut und Old Wabble.



Karl May und die neuen Medien

Schon seit den 1920'er Jahren wurden für das Radio Werke Karl Mays als Hörspiel umgesetzt. In den 1950'er Jahren produzierte der WDR beachtenswerte, mehrstündige Hörspiele zu den Romanen Der Schatz im Silbersee, Winnetou, Old Surehand und Durch die Wüste, die in mehreren Folgen gesendet wurden. Hansjörg Felmy sprach den Winnetou. Im Jahr 1959 sendete der NDR ein Hörspiel mit dem Titel Fährten in der Prärie, das auf einer Umsetzung von 1937 und frei auf der Buchvorlage Winnetou III beruhte, und in dem Hans Paetsch als Erzähler und Will Quadflieg als Winnetou mitwirkten. Marianne Kehlau war ebenfalls beteiligt.

Zwar hatte es schon mehrere Versuche gegeben, Karl May für das Kino zu adaptieren, doch erst die Karl-May-Filme der 1960'er Jahre brachten hier, nicht zuletzt auf Grund der Quantität, einen Durchbruch. Zwischen 1962 und 1968 wurden 17 Kinofilme gedreht, die mehr oder weniger entweder Romane Karl Mays als Vorlage hatten oder sich bei vollkommen frei erfundener Handlung zumindest bei Heldenfiguren derselben bedienten. Trotz dieser erheblichen Abweichungen werden die Filme gemeinhin als "Karl-May-Filme" bezeichnet. Pierre Brice verkörperte den Winnetou und Lex Barker den Old Shatterhand.

Im Zuge dieses Erfolges entstanden ab 1962 bei der Phonogram (Label Philips, später Fass) die ersten Hörspiele zu Karl May auf Tonträger; zunächst auf Singles und dann zusammengefasst auf Langspielplatte. Unter der Regie von Joseph Offenbach und Kurt Vethake sprachen hier zum Teil Charles Brauer den Winnetou, Volker Brandt den Old Shatterhand und Wolfgang Reinsch den Kara Ben Nemsi. Auch Benno Gellenbeck und Edgar Maschmann waren in diesen Produktionen bereits mehrfach zu hören. Die Cover bestanden in der Single-Version zum Teil aus Zeichnungen und zum Teil aus Fotos von Szenen der Karl-May-Festspiele Bad Segeberg. Die in höherer Auflage erschienen LPs trugen als Cover Abzüge der grünen Karl-May-Buchdeckel des Karl-May-Verlages.





Der Start bei EUROPA

Karl May unter der Regie von Konrad Halver 1968-1970

Der Schatz im Silbersee (1 & 2) • Winnetou I (1 & 2) • Winnetou II (1 & 2)


Winnetou III (1 & 2) • Old Surehand IOld Surehand IIDas Vermächtnis des InkaDer Ölprinz





Im Jahr 1968, dem Jahr, als der letzte Karl-May-Kinofilm mit Pierre Brice abgedreht wurde, machte sich die Firma Miller mit dem noch jungen Hörspielsektor auf dem Label EUROPA daran, Karl May umzusetzen. Die Mittel waren überschaubar, und so nahm man wie bis dato gewohnt die Hörspiele in der Wohnung von Dr. Andreas Beurmann auf: Die Sprecher saßen im Wohnzimmer vor ihren Mikrophonen, während im Schlafzimmer die gebrauchten Tonbandmaschinen aufzeichneten. Unter der Regie von Konrad Halver und nach dessen Hörspielbearbeitung entstanden hier auf zwei LPs die Hörspiele Der Schatz im Silbersee, 1. Folge und 2. Folge. Ebenfalls unter Halvers Regie, aber in der Bearbeitung von Peter Folken entstanden im selben Jahr Winnetou I, II und III (in jeweils zwei Folgen beziehungsweise auf je zwei LPs). Der durchschlagende Erfolg dieser Produktionen beruhte wahrscheinlich auf einer Umsetzung nahe der Romanvorlage bei Auslassung allzu vieler Dialoge und betontem Einsatz vieler Kampfszenen, also Action. Es wurden originale Musiken beziehungsweise Tänze nordamerikanischer Indianer verwendet, die dem Ganzen mehr Authentizität verliehen als die damals aktuellen Verfilmungen. Konrad Halver füllte die Rolle des Winnetou so gut aus, dass er bis heute als der populärste und glaubwürdigste Sprecher des Apatschenhäuptlings angesehen wird. Für die Rolle des Old Shatterhand wurde Michael Poelchau gewählt. Santers Rolle übernahm Peter Folken, und Benno Gellenbeck sprach den Old Firehand. Alles in allem war die Rollenverteilung äußerst gelungen. Auch die Entscheidung, auf dem Cover Fotos von den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg zu verwenden, wo der damalige Protagonist des Winnetou, Heinz Ingo Hilgers, ganz auf das Aussehen des Pierre Brice abgestimmt war, trug zum Erfolg bei. In diesen ersten acht Hörspielen wurde Hintergrundmusik verwendet, die zuvor bei der Mutterfirma Miller auf dem Label somerset erschienen war. Die zumeist kurzen, aber breit angelegten und prägnanten Einspielungen verliehen den Hörspielen eine enorme Tiefe. Ähnlich wie in den genannten Karl-May-Filmen wurde hier ein Ankündigungs-Musikthema jeweils beim Auftritt Winnetous eingefügt.

In den Jahren 1969/70 folgten unter dem Team Halver/Folken die Hörspiele Das Vermächtnis des Inka sowie Old Surehand I und II (auf zwei LPs). Auch hier wurden für die Cover Szenen aus den Festspielen in Bad Segeberg verwendet. Um dem Ganzen mehr Popularität zu verleihen, hatte man in Old Surehand ausgerechnet die Rollen Winnetous und Old Shatterhands durch bekanntere Schauspieler ersetzt. Statt wie gewohnt Konrad Halver und Michael Poelchau waren nun Claus Wilcke Old Shatterhand und Michael Hinz Winnetou, während die beiden Erstgenannten kleinere Rollen übernahmen. Dies mag als Marketingeffekt gut gedacht gewesen sein, hat sich in der Rückschau jedoch als unglücklich erwiesen. Für Old Surehand verwendeten die Macher diesmal fast ausschließlich klassische Musik, die von EUROPA-LPs stammte.

Mit dem Ölprinz entstand 1970 das erste Karl-May-Hörspiel unter EUROPA, das mit der Qualität seiner Vorgänger nicht mithalten konnte. Regie hatte wie gewohnt Konrad Halver. Das Skript war erstmals von Dagmar von Kurmin erarbeitet worden, die sich für diesen Anteil noch in der Übungsphase befand. Zuviel Handlung wurde erzählt, ja sogar viel in indirekter Rede berichtet. Bei den Musikeinlagen, vor allen Dingen Mundharmonika und Gitarre, hatte man sich für ein Rezept entschieden, das kurz zuvor bei Der Wildtöter und Der Letzte der Mohikaner Anwendung gefunden hatte.







Das "Karl-May-Jahr" bei EUROPA

Karl May unter der Regie von Dagmar von Kurmin 1972

Der »Orientzyklus«: Durch die WüsteDurchs wilde KurdistanVon Bagdad nach Stambul
In den Schluchten des BalkanDurch das Land der SkipetarenDer SchutKara Ben Halef


Der Sohn des BärenjägersUnter Geiern - Der Geist des Llano EstacadoTo-kei-chunDie Sklavenkarawane





Im August 1971 wurde Konrad Halver von der Firma BASF für deren neue Hörspielsparte abgeworben und nahm seinen Freund Peter Folken mit. Damit lag die Produktion der weiteren Karl-May-Hörspiele allein in der Hand Dagmar von Kurmins. Frau von Kurmin ergriff die Gelegenheit, um - und das nicht nur für die Karl-May-Hörspiele - befreunde Schauspieler für die Produktionen zu gewinnen, die zuvor noch nicht für EUROPA tätig gewesen waren: Siegmar Schneider war bekannter Bühnenschauspieler und populär als Synchronstimme von James Stewart. Er sollte in der Orientreihe allmögliche Schurkenrollen übernehmen. Christian Rode, Bernd Kreibich und Jürgen Lier stammten aus Hamburg. Anette Roland und Malte Petzel waren gute Freunde Frau von Kurmins. Auch Immo Kroneberg trat nur in den Kurmin-Hörspielen auf.

So entstanden die ersten drei Teile der Orientreihe Durch die Wüste, Durchs wilde Kurdistan und Von Bagdad nach Stambul, die ebenfalls Festspiel-Cover hatten. Kara Ben Nemsi wurde von Michael Korrontay gesprochen. Die Rolle des Halef erhielt Bernd Kreibich, der diese zur Höchstform bringen sollte. Diese drei Hörspiele wurden offenbar geschlossen aufgenommen und bilden in Abgrenzung zu den weiteren Hörspielen der Orientreihe eine eigene Abteilung.

Zur Fortsetzung der Reihe wurde ein völlig neues Konzept erarbeitet: Die Rolle des Kara Ben Nemsi wurde ab In den Schluchten des Balkan von Hellmut Lange übernommen. (Für den Wechsel angedacht gewesen war ursprünglich Joachim Fuchsberger, der aber ablehnte.) Die Cover zeigten keine Festspielszenen mehr, sondern waren durch Hans Möller umgesetzte, aufwändige Zeichnungen, in die teilweise das Gesicht Hellmut Langes eingearbeitet worden war. Zudem wurde nach Durch das Land der Skipetaren und Der Schut auch noch eine kurze Erzählung umgesetzt, die am Ende des Buches Der Schut mit dem Titel Mein Rih angehängt ist und einige Jahre nach dem eigentlichen Sechsteiler spielt. Als Hörspiel bekam diese Erzählung den Titel Kara Ben Halef. Hatte Frau von Kurmin mit dem Skript zum Hörspiel Der Ölprinz noch einen recht zähen Einstieg zu Karl May geliefert, so hatte sie sich in kürzester Zeit in der Orientreihe und weiteren Hörspielen zum echten Profi entwickelt. Die Hörspiele von In den Schluchten des Balkan bis Kara Ben Halef haben eine seltene und danach kaum mehr erreichte Tiefe und epischen Charakter. Sie stellen im Grunde keine Kinderhörspiele mehr dar, sondern bilden ernsthafte Adaptionen der Romanvorlagen. Weiterhin setzte Dagmar von Kurmin im Jahr 1972 noch erfolgreich Der Sohn des Bärenjägers, Unter Geiern - Der Geist des Llano Estacado (beide bilden zusammen den Roman Unter Geiern), To-kei-chun (aus dem Band Der Löwe der Blutrache) und Die Sklavenkarawane um. Für die Rolle des Old Shatterhand setzte Frau von Kurmin den damals populären Fernsehdarsteller Karl-Heinz Hess ein. Die Rolle des Winnetou wurde in Der Sohn des Bärenjägers von Christian Rode übernommen, wohingegen die Rolle des Winnetou aus Unter Geiern - Der Geist des Llano Estacado gestrichen wurde, wo Rode dafür den Bloody Fox sprach. Bis auf die ersten drei Hörspiele des Orientzyklus wurden auf den May-Hörspielen Dagmar von Kurmins neue, orchestrale Musikeinspielungen verwendet. Das Leitmotiv der im Wilden Westen spielenden Erzählungen wurde in mehreren Variationen eingespielt und gab dem ganzen einen Hauch von Karl-May-Filmmusik à la Martin Böttcher.

Auf Grund von persönlichen Gründen musste Frau von Kurmin die Firma Miller 1972 verlassen und folgte Halver und Folken zur BASF, die sie jedoch bald wieder verließ. Da sie einige ihrer persönlich bekannten Sprecher beim Labelwechsel mitnahm, Malte Petzel viel zu früh Ende 1972 verstarb und Benno Gellenbeck, der Kapitän Ahab in ihrem Moby Dick, nur noch wenige Male nach ihrem Weggang eingesetzt wurde, bis er 1974 ebenfalls verstarb, kann man hier vom Ende einer Ära bei EUROPA sprechen.







Karl May reloaded

Karl May unter der Regie von Heikedine Körting 1975 und 1977

Old Shatterhand (1 & 2) • Old Firehand (1 & 2) • Winnetou I (3. Folge) Der schwarze MustangWinnetou III (3. Folge) Winnetous Vermächtnis





Ab Ende 1971 hatte das Team Halver/Folken rasch damit begonnen, die erfolgreiche Karl-May-Serie bei der BASF (für das Label Paradiso, dann Peg, später Piccolo) erneut zu vertonen. Dabei orientierte man sich zum Teil sehr nah an den Skripts, die schon bei EUROPA Verwendung gefunden hatten. Hatte man für drei Hörspiele zunächst wiederum Fotos von den Festspielen in Bad Segeberg verwendet, so änderte man die Optik dahingehend, dass alle Hörspiele fortan mit Bildern von den Karl-May-Filmen mit Pierre Brice und Co. ausgestattet wurden. Da Michael Poelchau schon vor Halver und Folken bei EUROPA aufgehört hatte und nach Frankreich emigriert war, musste ein neuer Old Shatterhand-Sprecher gefunden werden. So wurde für die Hörspiele Winnetou I Folge 1 und 2 und Der Schatz im Silbersee zunächst auf den von EUROPA bekannten Rudolf H. Herget zurückgegriffen, aus unerfindlichen Gründen dieser dann aber durch Heinz Trixner ersetzt. Intschu-tschuna wurde wiederum von Hans Paetsch verkörpert, Old Firehand wiederum von Benno Gellenbeck und Santer wiederum von Peter Folken. So erschienen hier zwischen 1971 und 1979 insgesamt 20 Hörspiele nach Karl May, von denen 19 unter Beteiligung von Halver und/oder Folken entstanden. Für Telefunken/Decca und Gruner & Jahr (Jahreszeitenverlag) nahmen Halver und Folken 1976 dann zum dritten Mal Hörspiele nach Karl May auf: Sieben Teile auf den Labels auditon, Box, Für Dich.

Auf Grund der Erstausstrahlung des Großteils von Karl-May-Filmen mit Pierre Brice in der Hauptrolle zwischen 1971 und 1974 im Deutschen Fernsehen und vielfacher Wiederholungen, erfreute sich Karl May in den neuen Medien anhaltender Popularität. Hierzu trug ebenso die in zwei Staffeln 1973 und 1975 im ZDF ausgestrahlte Serie Kara Ben Nemsi in 26 Folgen mit Karl-Michael Vogler in der Hauptrolle bei, die sich eng an die Buchvorlagen des Orientzyklus anlehnte. (Ein Foto aus der Serie fand Verwendung auf der BASF-LP Durch die Wüste.)

Bei Gruner & Jahr hatte man auf dem Label maritim die ursprünglich nur 12 Teile umfassende Karl-May-Serie von 1971 schließlich bis 1976 auf 30 Teile ausgedehnt. Heinz Ingo Hilgers, der auf den ersten acht EUROPA-Hörspielen nach Karl May auf den Covers zu sehen war, sprach den Winnetou, Eberhard Krug den Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi. Die Karl-May-Hörspiele von Philips/Fass aus der ersten Hälfte der 1960'er Jahre wurden in Doppel-LP-Form mit Festspiel-Cover neu herausgebracht. Die Metronom veröffentlichte auf verschiedenen Labels (Zebra, Unsere Welt, PLP/PMC) Mitte der 1970'er Jahre eine weitere Karl-May-Reihe.

Es schien an der Zeit, sich auch bei EUROPA dem neu erwachten Trend anzuschließen. Man ergriff die Gelegenheit, einige der älteren Aufnahmen mit neuem, gezeichnetem Cover zu versehen, und Heikedine Körting begann, die Karl-May-Reihe fortzusetzen. Da das Team Halver/Folken bis Mitte der 1970'er Jahre bei der BASF etliche Romane nach Karl May umgesetzt hatte und der BASF-Hörspielsektor auf Grund des schlechten Vertriebs bei gleichzeitig hohem LP-Verkaufspreis dem Niedergang entgegensteuerte, folgten Folken und Halver der Einladung Heikedine Körtings, wieder für EUROPA zu arbeiten. Peter Folken lieferte 1975 die Skripts für Old Shatterhand sowie Old Firehand, jeweils mit den Folgen 1 und 2. Im Jahr 1977 folgen die Hörspiele Winnetou I, 3. Folge und Winnetou III, 3. Folge. Die Methode, an Winnetou I und III weitere Folgen zu hängen beziehungsweise Handlung in die vorhandene Serie zu drängeln, hatte Folken bereits bei der BASF praktiziert. Regie führte diesmal Heikedine Körting. Peter Folken trat auf den Hörspielen als Sprecher nicht in Erscheinung. Konrad Halver sprach den Winnetou. Als Old Shatterhand fungierte wie bei der BASF Heinz Trixner. Für die Musik griff Heikedine Körting zum Teil auf Einspielungen zurück, die bereits in Das Vermächtnis des Inka, In den Schluchten des Balkan, Durch das Land der Skipetaren und Der Schut verwendet worden waren.

Die beiden Shatterhand-Hörspiele spiegeln einen Ausschnitt aus Winnetou III wider. In den Firehand-Hörspielen wurde in Folge 1 eine Episode aus dem Band Winnetou II in der Urfassung verwertet und dabei überdehnt, während in Old Firehand Folge 2 eine Episode aus dem Band Der Schatz im Silbersee verarbeitet wurde, die dem Hörer aus der Aufnahme von 1968 bekannt war. Beide Folgen hatten so gesehen nichts miteinander zu tun. Das Hörspiel Winnetou I, 3. Folge hat die Erzählung Halbblut zur Vorlage und ist wohl das schlechteste Karl-May-Hörspiel, das bei EUROPA erschienen ist. Winnetou III, 3. Folge folgt dem Roman Winnetous Erben, spielt nach dem Tod Winnetous und ist zumindest chronologisch in der Serie richtig angesiedelt. Insgesamt kam diese Fortsetzung der Karl-May-Serie qualitativ jedoch nicht an die Produktionen von Halver/Folken und von Dagmar von Kurmin heran.





Nachhall

Als 1980 im Fernsehen die 14teilige Serie Mein Freund Winnetou mit Pierre Brice in der Titelrolle gesendet wurde, die mit Karl May außer den Titelfiguren nichts zu tun hatte, wurde bei EUROPA unter der Regie von Heikedine Körting aus der Tonspur der Serie eine siebenteilige Hörspielserie entwickelt. Ein achter Teil enthielt die Musik zur Serie. Winnetou wurde von Christian Brückner gesprochen, der auch als deutsche Synchronstimme von Robert de Niro bekannt ist.

Etwa Mitte/Ende der 1980'er Jahre (und in einer Zeit, in der Hörspiele im Begriff waren, auszusterben) brachte EUROPA die sogenannte Karl-May-Serie im Cassettenformat heraus. Sie umfasste so ziemlich alle alten Karl-May-Hörspiele, die im Wilden Westen angesiedelt sind: Winnetou I (Folge 1-3), Winnetou II (Folge 1-2), Winnetou III (Folge 1-3), Der Schatz im Silbersee (Folge 1-2), Old Surehand I und II, Old Shatterhand (Folge 1-2), Old Firehand (Folge 1-2). Das Besondere daran war, dass alle Folgen durchnummeriert und mit dem jeweils gezeichneten Cover ausgestattet waren. Der Seriencharakter wurde durch einheitlich grünen Kopf und Rücken des Layouts verstärkt - ganz im Stil der Karl-May-Bücher.

Die genannte Serie stellte den Versuch dar, die Karl-May-Einzelhörspiele in die Vermarktungsstrategie, die ab Mitte der 1980'er Jahre bei EUROPA herrschte, zu integrieren. Auf dem Label erschienen ab dieser Zeit nur noch Hörspielserien und keine Einzelhörspiele mehr. Ein Großteil der Karl-May-Umsetzungen wurde ab 2005 in der Serie "Die Originale" auf CD wiederveröffentlicht. Neue Hörspiele nach Karl May sind nach 1977 bei EUROPA jedoch nicht hinzugekommen.



Appendix

Unsere Podcast zu den Karl-May-Hörspielen sind hier zu finden:

Podcast ☊ 12 • Die Karl-May-Hörspiele (I) Regie: Konrad Halver
Podcast ☊ 15 • Die Karl-May-Hörspiele (II) Regie: Dagmar von Kurmin
Podcast ☊ 18 • Die Karl-May-Hörspiele (III) Regie: Heikedine Körting


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