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und der Karpatenhund




1. Kommentar von Pitichinaccio





»Haben Sie gehört, was diese
unverschämten Bengel behaupten?«

»Ja, und sie haben völlig recht. Aber das
können wir beide miteinander ausmachen.«

(Mrs. Boogle & Fenton Prentice)




Das dritte Hörspielabenteuer, dessen amerikanische Buchvorlage bei Erscheinen von LP und MC gerade einmal vier Jahre alt war, bescherte Justus, Peter und Bob einen recht irdischen Fall, auch wenn der deutsche Titel anderes nahelegt. Das Besondere an dieser Folge war im Gegensatz zu vielen anderen Geschichten um die drei Detektive nicht der Gruselfaktor, sondern das fast kammerspielartige Szenario, welches sich mit wenigen Ausnahmen fast ausschließlich im oder am Haus Paseo Place 402 abspielt.

Denn die unheimliche Titelfigur ist nichts anderes als eine Skulptur aus Kristall, an deren Diebstahl sich eine Lösegeldforderung anschließt. Und auch die Lichtblitze in der Wohnung von Mr. Prentice finden eine logische Erklärung. Beunruhigender sind eher die Unfälle, die über die Bewohner besagten Hauses hereinbrechen und die wohl irgendwie mit der Erpressung in Zusammenhang stehen müssen. Warum wird die Badenixe Miss Chalmers vergiftet? Wer schaltet die neugierige Mrs. Boogle mit einer in ihrem Auto verborgenen Sprengladung aus? Und warum brennt es kurz darauf scheinbar grundlos bei John Murphy?

Nun, jedem einigermaßen versierten Hörer oder Leser wird in Erinnerung sein, wo der Hund versteckt war und welche Maßnahmen ergriffen werden mussten, um seine Entdeckung zu verhindern. So handelt es sich zwar um einen klassischen "Whodunit" (Wer war der Täter?) im Stile Agatha Christies, bei dem praktisch jeder der Schurke hätte sein können, aber durch die exklusive Tatausführung erhält die Verbrecherjagd noch ein kleines Sahnehäubchen: der gläserne Hund auf dem Grunde des Swimmingpools - nicht zu entdecken, weil nicht zu sehen.

Das Hörspiel gerät für meine Ohren beispielhaft atmosphärisch. Dies liegt sicher unter anderem an den wenigen Schauplätzen, welche das Hörerlebnis so plastisch erscheinen lassen: Das Haus, der Hof, die Mieter, treppauf, treppab - alles wirkt, als wäre man dabei. Aus heutiger Sicht möchte man zudem fast andächtig auf die Knie fallen, wenn man die Besetzungsliste des Hörspiels liest: Hans Hessling, Katharina Brauren, Karl-Ulrich Meves, Gernot Endemann, Rolf Mamero, Ernst von Klipstein, Gerlach Fiedler und (wenn auch nur vergiftet jammernd) Marianne Kehlau. Vor allem die beiden Senioren, Hans Hessling und Katharina Brauren, liefern hier nach meiner Einschätzung ein Stück EUROPA-Hörspielgeschichte ab. An dieser Stelle ein aufrichtiges Kompliment an Heikedine Körting für die kongeniale Auswahl der Schauspieler. Grandios!

Bei der Auflösung der Lichtblitze orientiert sich das Hörspiel an den späteren Auflagen der deutschen Buchreihe, in der Sonny Elmquist mit einer Taschenlampe in das Zimmer von Mr. Prentice leuchtet. In der ersten Auflage (und auch im amerikanischen Original) ist es hingegen Sonny Elmquist selbst, der sich in Trance via Astralleib in die Wohnung von Mr. Prentice begibt, sodass der alte Herr dort mehrfach einen Schatten wahrnimmt. Es mag jeder für sich selbst entscheiden, welche der beiden Auflösungen ihm besser erscheint - wirklich überzeugend finde ich beide nicht.

Apropos überzeugend: Leider folgt das Hörspiel dem bereits angesprochenen Agatha-Christie-Muster auch insoweit, als dass der Täter nicht durch logische Schlüsse, sondern durch bloße Konfrontation mit einem unbewiesenen Verdacht überführt wird. Justus weiß ja bereits offenbar vor der Verfolgung des Diebes, dass Mr. Murphy hinter allem steckt, nur: wie konnte er darauf kommen? Die Mutmaßung, dass der Brand in der Wohnung des Börsenmaklers gar nicht hätte passieren können, weil Zigaretten aus Mr. Murphys Aschenbecher nicht herausfallen und den Brand nicht auslösen könnten, ist nun wirklich mehr als dünn. Lassen wir gelten, dass man Mr. Murphy sonst durch die Verfolgung nach der Lösegeldübergabe hätte schnappen können.

So endet die Geschichte in Sachen überführte Täter (Sonny Elmquist und John Murphy) zwar etwas unspektakulär, aber die atmosphärische und dichte Erzählung des Falles rechtfertigt in meinen Augen die Bestnote.

Schlussbemerkung: In der Erstauflage der LP-Ausgabe befand sich im »Karpatenhund«-Cover die LP »Super-Papagei«, nicht etwa falsch gelabelt oder Ähnliches, sondern offenbar nur falsch eingetütet. Fast so gut versteckt wie der Karpatenhund: dort, wo sie niemand vermutet und niemand sehen kann ...





Bewertung:










2. Kommentar von Christoph





»Ein geisterhaftes Licht hat keine Hände.«

(ziemlich dramatisch: Fenton Prentice)




Ich denke, es stellt kein Plagiat dar, wenn ich in meinem Kommentar ebenfalls darauf hinweise, dass es sich beim Fall »Karpatenhund« um ein kammerspielartiges Hörspiel handelt. Wie sollte man es auch anders bezeichnen? Die drei Detektive sind - bis auf die Schlussszene - wirklich immer nur am Paseo Place bei Mr. Prentice. Etwaige Standard-Szenen in der Zentrale beziehungsweise auf dem Schrottplatz fehlen gänzlich. Und daher könnte man sich das Ganze schon wirklich auf einer Open-Air-Bühne vorstellen: der Innenhof des Paseo Place, die einzelnen Wohnungen mit ihren Balkonen beziehungsweise Terrassen sowie natürlich der für das Stück enorm wichtige beheizbare Swimmingpool - nicht zu vergessen, die Außenbeleuchtung. Ich für meinen Teil kann vor meinem geistigen Auge deutlich sehen, wie Justus seine "moderne" Überwachungskamera platziert.

Unterdessen fügen sich die einzelnen Charaktere nahtlos in das Gesamtbild ein. Diese dürften einigen von uns sicherlich auch bekannt sein. Wer kennt sie nicht, die neugierige Nachbarin, wie Mrs. Boogle (herrlich energisch: Katharina Brauren) oder den netten alten Herrn à la Mr. Prentice ... Ein extrovertiertes Exemplar der Spezies Nachbar, wie den der Esotherik verfallenen Sonny Elmquist, kennen sicherlich auch viele. Und dann gibt es da immer noch diese Typen, von denen man nicht recht weiß, was sie so alles treiben. Man unterstellt nichts Böses - ahnt, vermutet oder schlussfolgert aber dennoch.

Aber nicht nur wechselnde Handlungsorte fehlen im Hörspiel, nein auch auf die komplette Riege ansonsten stets wiederkehrender Personen wird hier getrost verzichtet. Und noch etwas finde ich eigenartig beziehungsweise es kommt mir seltsam vor: die Zeit. Obwohl es im Hörspiel sogar mehrmals exakte Zeitangaben gibt, kann ich irgendwie nie so richtig einordnen, ob es jetzt Vormittag, Nachmittag oder schon Abend ist. Ist es noch hell oder doch schon dunkel? Und trotz erwähnter Außenbeleuchtung spielt dies ja gerade auch eine entscheidende Rolle. Immerhin geht es um einen gläsernen Hund, eine Skulptur aus Kristall, welche ja am geeigneten Ort (im Swimmingpool) nahezu unsichtbar sein soll.

Hierzu fällt mir gerade noch Folgendes ein: Im Freibad faszinierte es mich schon immer, wie erstaunlich gut man doch sogar kleinste Dinge im Schwimmbecken erkennen kann, beispielsweise ein Stein oder ein Blatt. Deshalb fällt es mir schwer zu glauben, dass der gläserne Karpatenhund, dessen Lefzen ja unter anderem mit Goldschaum verziert wurden, wirklich so unsichtbar sein soll. Seine rotglühenden Augen dürften einem erst recht nicht verborgen bleiben. Oder war es wirklich stets dunkel, als der Hund im Pool lag?

Und dann gibt es noch weitere Ungereimtheiten: Als in der Künstlerwohnung eingebrochen wurde, waren die drei Fragezeichen gerade bei Mr. Prentice zugegen. Man hört den Dieb weglaufen. Und bereits Sekunden darauf ruft Mr. Murphy, der ja die Skulptur gestohlen hat, bei Mr. Prentice an, um diesen vom Diebstahl zu berichten. Wie konnte Mr. Murphy das so schnell bewerkstelligen? Warum hat er ihn überhaupt angerufen? Aus welchem Grund? Ruft man seinen direkten Nachbarn überhaupt an? Sollte dies sein Alibi sein? Woher kam plötzlich dieses gigantische Polizeiaufgebot? War eventuell gleichzeitig der Präsident der Vereinigten Staaten auf Besuch in Rocky Beach?

Mr. Murphy, der Unhold im Fall Karpatenhund, ist in meinen Augen eine sehr tragische Person - ein nicht gerade erfolgreicher Geschäftsmann und ein noch schlechterer Verbrecher dazu. Bei seinen Aktionen ist doch so einiges schief gegangen. Beim eigentlichen Diebstahl macht er eine Hundertschaft auf sich aufmerksam, muss in die Kirche flüchten, schlägt dort den Messner nieder und lässt seine Beute zurück. Beim weiteren Versuch, der Skulptur wieder habhaft zu werden, knüppelt er Justus und Bob ebenfalls brutalst nieder. Er hinterlässt Spuren über Spuren.

Und dann das Motiv: Es geht um die lächerliche Summe von 10.000 Dollar, welche er mittels der gestohlenen Skulptur zu erpressen versucht. Setzt man diesen Betrag in Relation zu seinen Taten, so ist er bereit für etwa einem Fünftel des Geldes ein Menschenleben zu opfern. Er schlägt den Messner sowie Justus und Bob nieder, vergiftet eine junge Frau, bombt eine weitere ins Krankenhaus und bringt sich mittels eines stümperhaft inszenierten Brandanschlags in selbiges, wohl um ein passendes Alibi zu erhalten (wie Justus am Ende schlussfolgert). Dies alles klingt nicht sehr plausibel. Aber vielleicht hat Mr. Murphy seine berufliche Risikobereitschaft einfach nur konsequent auf sein Privatleben übertragen - sehr zu seinem eigenen Leid. Naja, was soll's?

Lustig finde ich hingegen, dass auch bei diesem sehr rationalen Fall wieder und wieder versucht wird, die Story durch eine Portion Grusel und Mystik aufzuwerten. »Bei mir spukt's!«, bringt ein verzweifelter Mr. Prentice den Dreien entgegen. »Yes!«, sagte der Gruselfan in mir. »Oh, no!«, sagte selbiger, als der alte Herr - übrigens exzellent gesprochen von Hans Hessling - dann davon sprach, dass sich jemand lediglich Zutritt zu seiner Wohnung verschaffe, wenn er nicht da sei. Ein Geist verschafft sich keinen Zutritt, er ist einfach da, wenn es ihm in den Kram passt. Auch ist es ihm herzlich egal, ob jemand zuhause ist oder nicht.

Unheimliche Lichtblitze erweisen sich simplerweise als Lichtschein einer Taschenlampe. Da war nun wirklich sehr wenig Übernatürliches im Spiel. Kann man wirklich mittels einer Taschenlampe Spuk betreiben? Mir würde das keine Angst einjagen. Ebenso verhält es sich mit der ach so gruseligen Karpatenhund-Geschichte. Ein Strohfeuer, welches gefühlt etwa zwei Sekunden brennt. Das Gespräch, in welchem Mr. Niedland (Gerlach Fiedler) die Geschichte zum Besten gab, ist allerdings sehr köstlich. Es gab Sprecher, die hätten aus einem Telefonbuch vorlesen können und man wäre dennoch hiervon fasziniert gewesen. Der gute Herr Fiedler gehörte definitiv zu diesem auserwählten Kreis und es macht einfach nur totalen Spaß, sich sein Gegurgel (vielleicht eine eitrige Mandelentzündung?) anzuhören. Mich würde an dieser Stelle mal interessieren, ob Heikedine Körting damals bewusst wahrgenommen hat, wie oft der Gerlach die Phrase »Naja ...« benutzt hat.

Auch Gernot Endemann, der hier den Part des durchgeknallten Esotherikers Elmquist übernommen hat, höre ich immer wieder sehr gerne zu. Früher mochte ich seine Stimme nicht so sehr. Diese lernte ich erst im Laufe der Zeit zu schätzen. Sie ist markant, außergewöhnlich und hat einen hohen Wiedererkennungswert. Darüber hinaus ist sie sehr wandlungsfähig. Man denke nur an den verzweifelten Indianer Natches im Fall »lachender Schatten« (Folge 13). Berücksichtigt man zusätzlich neuere Sprecher, welche meiner Ansicht nach fast alle gleich klingen, so kommen einem ohnehin die Tränen.

Noch eine kleine Anekdote: Es dauerte gute 30 Jahre bis ich herausgefunden hatte, dass es überhaupt einen Sprechpart für die junge Miss Chalmers gab. Dieser wurde ja mit Pamela Punti benannt. Unter diesem Synonym hatte Marianne Kehlau die Jammerlaute von Miss Chalmers nach ihrer Vergiftung "eingesprochen". Ich dachte jedoch immer, ja ich hätte schwören können, dass Mrs. Boogle betont theatralisch gejammert hätte, weil Miss Chalmers aus unerklärlichen Gründen zusammengebrochen war. Meine Frau und mein Sohn waren übrigens ebenfalls überzeugt hiervon.

»Die drei Fragezeichen und der Karpatenhund« ist meiner Meinung nach eine der gelungensten Hörspiele rund um das allseits beliebte Detektivteam ever. Auch ohne Titus, Mathilda, Morton, Skinny, Patrick, Kenneth oder den bärbeißigen Hauptkommissar ist hier ein Geniestreich gelungen. Zwar wieder mal mit einigen Logikfehlern und Verhasplern (Alex "Axel" Hassel), ansonsten jedoch über jeden Zweifel erhaben. Man beachte allein schon den perfekt abgestimmten Einsatz der ebenfalls perfekt ausgewählten Hintergrund-Musik. Achtet mal hierauf und vergleicht diese mit neueren Outputs (z.B. Folge 34, »... und der rote Pirat«) - da liegen ganze Sternensysteme dazwischen. Einfach fantastisch, diese frühen Folgen.

Dennoch möchte ich anfügen, dass ich in einer Sache mit dem guten Just nicht ganz konform gehe. Dieser sagte ja, dass Mr. Murphy Mrs. Boogle aus dem Wege räumen musste, weil diese nach Miss Chalmers Abgang nun endlich Zeit dafür fand, den Swimmingpool zu reinigen. Dies stimmt meiner Meinung nur zu einem geringen Teil. Erstens war Mr. Murphy zu dem Zeitpunkt, als Mrs. Boogle dies sagte, gar nicht anwesend (oder hatte er sich hinter einer Hecke versteckt?). Zweitens musste Murphy die neugierige Nachbarin, die ihre Nachbarn rund um die Uhr überwachte, sowieso ausschalten. Wie sonst wäre er an den Hund im Pool herangekommen?

Auch fand ich Justus' Sprung in den Pool immer schon sehr heldenhaft. Mal angenommen, man konnte den gläsernen Köter im Wasser wirklich nicht sehen ... Er hätte sich bei seiner Aktion ernstlich verletzen können. Wie heißt doch eine goldene Baderegel? »Niemals in unbekannte Gewässer springen!« Gilt dies nicht auch für Gewässer mit etwaig unbekanntem Inhalt?

So - und nun muss ich ebenfalls ein Becken reinigen. Allerdings beinhaltet dies nur rund 250 Liter und ist Heimat meiner Zierfische. Ach ja, fünf Mucks ... hätte ich beinahe vergessen.





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