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1. Kommentar von Christoph




"Jammern auf höchstem Niveau!" - dieser Spruch fällt mir ein, wenn ich an das Hörspiel »Die tödliche Begegnung mit dem Werwolf« denke. Er passt sogar im doppelten Sinne - bin es doch auf der einen Seite ich, der auf genau diesem herumjammert. Hierzu möchte ich an dieser Stelle anmerken, dass ich mich (im Gegensatz zu vielen anderen) mit der zweiten Werwolf-Geschichte aus der Gruselserie von H.G. Francis (Hans Gerhard Franciskowsky) nie so recht anfreunden konnte.

Hierfür gibt es zwei Gründe. Ersterer ist, dass mir die Story einfach nicht schlüssig genug ist und ich immer wieder an meine Grenzen stoße. Sicherlich kann man gerade von Erzählungen, die sich mit dem Übernatürlichen beschäftigen, kaum erwarten, dass alles von vorne bis hinten zusammenpasst. Eine gewisse Art von Logik sollte man aber auch bei Schauergeschichten dieser Art voraussetzen.

Worum es geht: Das Ehepaar Aston, Vera und Henry, hat ein "ungeheures" Problem: In Vollmondnächten verwandelt sich Henry (angeblich) in eine blutrünstige Bestie - einen Werwolf - und geht auf Menschenjagd. Um genau dies zu verhindern, schließt Vera ihren verzweifelten Gatten (der beteuert, dass er doch nur einem Kind helfen wollte, als er sich mit dem Bösen infiziert hatte) im Keller des Hauses ein. So haben sie es schon öfters getan, auch wenn ihre Vorgehensweise wohl nicht immer von Erfolg gekrönt war. So erfährt man direkt in der Anfangssequenz, dass ein junges Paar, Susan und Ben, in einer Vollmondnacht von einem Werwolf angegriffen wurde. Während Susan mit dem Schrecken davonkam, hatte Ben die Werwolf-Attacke nicht überlebt. Die zuvor ängstliche Susan tauscht ihre Furcht gegen ein Gewehr ein und geht fortan selbst auf Werwolf-Jagd.

Für die Astons bedeutet jeder Monat eine neue potentiell tödliche Herausforderung. Und auch wenn Henry schon Unglück beim "Kinderretten" (wohl in einem fernen Land - vielleicht sogar auf der Hochzeitsreise) hatte, so kommt nun auch noch Pech in Form von Veras Mutter Hethy (»Aber Engelchen ...«) sowie ihrer Tante Martha hinzu. Beide sind zu dieser mehr als ungünstigen Zeit (die nahenden Vollmondnächte) zu Besuch bei den Astons und machen dem bedauernswerten Ehepaar das Leben noch zusätzlich schwer. Und auch wenn die beiden alten Herrschaften mit ihrer Art Vera und insbesondere Henry den letzten Nerv rauben, so ist es doch vor allem die Neugier des schrulligen "Miss-Marple-Gespanns", welche die Astons mächtig ins Schwitzen bringt.

Alle Versuche Veras, die beiden doch noch rechtzeitig loszuwerden, scheitern und es kommt, wie es kommen muss. Der Mond geht auf und Henry (übrigens wunderbar leidenschaftlich gesprochen von Wolfgang Draeger [Kommissar Glöckner aus »TKKG«]), der bereits kurz vor seiner Vollverwandlung in einen tranceartigen Zustand fällt, lässt sich von Vera erneut in den Keller einsperren. Dennoch werden weitere mysteriöse Morde verübt. Auf Grund dieser Tatsache ahnt der geneigte Hörer bereits jetzt, dass Henry für die Taten des Werwolfes eigentlich gar nicht verantwortlich sein kann - es sei denn, er hätte telepathische Fähigkeiten und könnte aus seinem Gefängnis heraus töten.

Zählt man nun noch eins und eins zusammen und überlegt, wer ansonsten noch als Täter in diesem recht dünn besiedelten Hörspiel in Frage kommen könnte, wäre man eigentlich am meisten verblüfft, wenn es nicht die holde Gattin Vera selbst wäre, die Monat für Monat Blutbäder anrichtet. Ein Umstand, der meiner Ansicht nach genauso viele Fragen wie Antworten aufwirft.

Wie um alles in der Welt kommt der gute Henry auf die grandiose Idee, selbst der Werwolf zu sein? Reinsteigern kann er sich zugegebenermaßen, aber wie erklärt er sich die weiteren mysteriösen Todesfälle durch den vermeintlichen Werwolf, wenn er doch in den Vollmondnächten im eigenen Keller eingesperrt war? Im Finale - nachdem der Werwolf getötet wurde - erfährt man durch ein Tonbanddokument, welches Vera zu gegebener Zeit angefertigt hatte, dass sie Henry in den Vollmondnächten in den Keller eingesperrt habe, um ihn vor ihr zu schützen.

Sie ließ ihn demnach im festen Glauben, dass er der Werwolf sei und sie alles versuche, um ihn aus seiner verzweifelten Lage zu befreien. Sie erzählt ihm sogar, dass sie mit Fachleuten (Ärzten) gesprochen habe und gibt ihm somit immerhin eine vage Hoffnung auf eine Rettung. Einerseits kann man Vera zugutehalten, dass sie ihren Mann vor dem Werwolf (also vor sich selbst) schützt, indem sie ihn in den Keller einsperrt. Auf der anderen Seite ist es natürlich mehr als verwerflich von ihr, ihrem Mann dies alles vorzumachen, nur um selbst ihr "Werwolf-Spiel" weitertreiben zu können. Ob es reiner Egoismus oder doch eher die Liebe zu Henry war, der ihr Handeln beeinflusst, erschließt sich mir nicht ganz.

Warum sagt Vera ihrem Mann nicht ganz einfach die Wahrheit? Gerade er hätte Verständnis für ihr "Werwolf-Problem" gehabt und ihr sicherlich auch geholfen (indem er sie in den Vollmondnächten einsperrt). Auch erfährt man später, dass (damals) lediglich Vera vom Werwolf gebissen wurde und Henry ihn wohl nur berührt habe. Somit hätte sich Henry doch zumindest stark wundern müssen, dass er die bösen Gene in sich trägt und nicht seine Frau, die immerhin bei der Begegnung (mit dem Werwolf) blutig verletzt wurde.

Auch hätte er nach einem weiteren tödlichen Vorfall Spuren (allen voran Blutspuren) an sich selbst finden müssen, wenn er für die Tat verantwortlich gewesen wäre. Vera sagt ihm zwar, dass wohl niemand ihn mit Untaten des Werwolfes in Verbindung gebracht hätte - warum auch. Jedoch macht sie ihn ja auch auf der anderen Seite glauben, dass man ihn - den Werwolf - wegsperren müsse. Ein trauriges, jedoch in meinen Augen sehr unglaubwürdiges Spiel, was Mrs. Aston da mit Mr. Aston treibt.

Eine weitere Ungereimtheit ist, dass auch Vera unzählige Spuren hinterlassen haben dürfte. Sie muss nach dem Töten doch stets blutüberströmt zuhause eingetroffen sein. Wie hat sie das alles vor Henry verbergen können? Ich denke da zum Beispiel an den freundlichen Norman Bates aus Alfred Hitchcocks »Psycho«. Dieser war (im Film) eine gefühlte Ewigkeit damit beschäftigt, um die (Blut-)Spuren seiner Tat zu verwischen. Oder verfügt "Werwolf-Vera" etwa über einen "Lotus-Blut-Abperleffekt" am ganzen Körper, welcher eine "Après-Mord-Vollreinigung" überflüssig machen würde? Wie soll das Ganze überhaupt abgelaufen sein?


CHECKLISTE VOLLMOND

1. den vor Angst zitternden Henry einsperren
2. aus dem Haus gehen
3. irgendwo die Metamorphose durchmachen
4. jagen & killen
5. sich rückverwandeln
6. nach Hause eilen
7. sich ausziehen
8. duschen
9. sich wieder anziehen
10. Henry befreien
11. Henry eine Geschichte auftischen
12. Henry beruhigen
13. blutige Kleidung auf 60° waschen
14. auf den nächsten Vollmond warten



... und das Ganze von vorn. Wahnsinn, so ein verheirateter Werwolf hat es nicht leicht.

Und Verlass auf die Polizei ist in dieser Gegend wohl auch eher Fehlanzeige. Auch finde ich es erstaunlich, wie viel Veras Mutter Hethy und ihre Tante Martha über Werwölfe wissen - Chapeau! Kommissar McCallun, der sogar gleich bei seinem ersten Besuch konkret auf eine lauernde Gefahr in den Vollmondnächten hinweist, scheint sich ebenfalls bestens mit dieser Legende auszukennen. Zur Stecke bringt er die Bestie jedoch nicht, das muss die eigene Mutter tun. Fragen über Fragen - so ganz will sich mir diese Geschichte einfach nicht erschließen.

Nun zum zweiten Grund fürs "Jammern auf höchstem Niveau". Mit dem hohen Niveau meine ich die beiden sicherlich verdienten und ansonsten auch meist extrem guten Sprecherinnen Katharina Brauren (Mutter Hethy) und Gisela Trowe (Tante Martha).

Vor allem die Auftritte der letztgenannten finde ich arg übertrieben und schlichtweg ein wenig nervig (um es nett auszudrücken). Ähnlich empfunden habe ich es bei ihrer Interpretation der Miss Melody in der Folge »Die drei ??? und die Perlenvögel« (Folge 39) sowie ihren Part als Frau Vossburger im Hörspiel »Ein Fall für TKKG - Die Stunde der schwarzen Maske« (Folge 25). Und sogar Tarzan (Sascha Draeger) reagierte auf ihr furchtbares Geschrei mit den Worten: »Aufhören. Das ist ja nicht zum Aushalten!« - er sprach mir aus der Seele.

Auch Katharina Brauren, welche mir in allen anderen Hörspielen (beispielsweise Frau Rosalie Ebersbach [Karl May, »Der Ölprinz«], Mrs. Boogie [»Die drei und der Karpatenhund«]) eigentlich sehr gut gefällt, kann mich hier als Hethy auch nicht wirklich überzeugen. Auch bei ihr ist es dieser permanente und maßlos übertriebene Übereinsatz - vor allem an Geschrei, welcher einen schalen Beigeschmack hinterlässt und das Gesamtergebnis irgendwie unschön wirken lässt.

»Die tödliche Begegnung mit dem Werwolf« ist an sich ein durchaus spannendes Hörspiel, welches (mich) aber leider inhaltlich nicht so ganz überzeugen kann und zudem mit den unangenehmsten "Geräuschen" von Frau Brauren und Frau Trowe überfrachtet beziehungsweise sogar übersteuert wurde. Positiv hervorheben möchte ich jedoch noch die interessante Erzählweise in der Retrospektive (auf einen Erzähler wurde also verzichtet), welche ansonsten in keinem anderen Hörspiel der Gruselserie verwendet wurde.

1 Muck Abzug für die doch sehr fantastische Story - 0,5 Mucks Abzug für die teilweise überengagierte sprachliche Vertonung des Ganzen. Dennoch ganze 4 wohlwollende und "Werwolf-gruselige" Mucks für dieses 14. Hörspiel der Reihe.





Bewertung:










2. Kommentar von Pitichinaccio





»... und allmählich wurde mir klar, dass diese Nacht in einer Katastrophe enden musste.«

(Vera Aston)




Für mich war das 14. Abenteuer der »Gruselserie« ein fulminanter Schlusspunkt der Reihe. Wieder einmal fühlte ich mich in meinem Gefühl, die "roten Folgen" seien besser als die "grünen Folgen", bestätigt. Kurz darauf sollte mit der »Insel der Zombies« noch ein "grüner Ausreißer" folgen, aber das war eben seinerzeit noch nicht abzusehen.

Das Verwirrspiel darum, wer als Werwolf umgeht, dürfte nach vierzig Jahren allseits bekannt sein, gleichwohl sei hier bereits der Spoileralarm ausgelöst. Obwohl Vera Aston ihren zum Werwolf mutierenden Mann Henry stets in den Vollmondnächten einsperrt, kommt es immer wieder zu grauenvollen Morden. Der unerwartete Besuch von Veras Mutter Hethy und ihrer Tante Martha bringen die allmonatliche Routine des Ehepaars Aston gehörig durcheinander, und so ist es Mutter Hethy, die im finalen Kampf den Werwolf erschießen kann, der sich ... in Vera Aston zurückverwandelt.

Die Geschichte zog mich von Beginn an in ihren Bann, zum einen durch die doch etwas überraschende Auflösung, zum anderen aber auch durch die letzten Worte Veras, die denen der Einleitung der Hauptgeschichte gleichen. Auf eine für mich sehr unheimliche Weise wurde hier der Kreis zum Beginn der Ereignisse geschlossen. Im Nachhinein fragt man sich natürlich, warum Vera - wissend darum, dass sie diejenige ist, die sich verwandelt - Henry im Keller einsperrt, um ihn zu schützen, aber gleichwohl alle anderen Menschen um sich herum in Gefahr bringt. Aber gut: Ohne diesen kleinen Logikknick bliebe von der Geschichte nicht viel über.

Weiterhin punktet die Geschichte mit großartigen Sprechern. Vor allem Elke Reissert, leider nur punktuell im EUROPA-Studio eingesetzt, gefiel mir in ihrer Doppelfunktion als Vera Aston und Erzählerin von Anfang an ausnehmend gut. Während sie ihre Rolle als Vera äußerst energisch und tapfer gestaltet, klingt sie als Erzählerin bedrückt und zweifelnd - dramaturgisch völlig richtig, da der erzählte Text letztlich die Tonbandaufnahme mit dem traurigen Geheimnis darstellt, die sich der Kommissar schließlich anhört. In den gleichen Zeitraum dieser Produktion fielen »Angst in der 9a« (»TKKG«-Folge [6]) und »Die Verräterin aus dem ewigen Eis« (»Flash Gordon«-Folge [5]), in denen Elke Reissert zumindest in meinen Ohren ebenfalls in den Hauptrollen (Frau Müller-Borrello / Prinzessin Carmen) brilliert.

Das Duo der grandes dames der Hörspielgeschichte, Katharina Brauren und Gisela Trowe, ist eine großartige Besetzung, wenngleich das Geschrei der beiden verängstigten Seniorinnen gerade gegen Ende der Aufnahme für den Hörer doch ein wenig anstrengend wird. Aber das Spiel der beiden ist wirklich hörenswert. Auch muss man H.G. Francis attestieren, dass die Idee, zwei skurrile alte Damen zum Zentrum einer Gruselgeschichte zu machen, durchaus aus dem üblichen Strickmuster herausragt.

Wolfgang Draeger, dem allein schon für seine zahlreichen Synchronisationen von Woody Allen mein unerschütterlicher Dank gilt, klingt mir hier ein wenig zu harmlos, um plötzlich zu einer rasenden Bestie zu werden. Sein Geschrei während der vermeintlichen Transformation kann sich allerdings hören lassen. Aber auch Karl-Ulrich Meves, an dieser Stelle eine tiefe Verbeugung für seinen Grobi aus der »Sesamstraße«, hört sich in der Rolle des Kommissars nicht so an, als könnte dieser dem Werwolf wirklich gefährlich werden. Aber all dies sind keine wirklichen Schnitzer, die der Produktion einen Abbruch tun.

Zu guter Letzt kommt man auch bei dieser Produktion nicht umhin, die Musik Carsten Bohns sowie die Orchestereinlagen Betty Georges zu loben. Klug eingesetzt und von einer kaum wieder erreichten Atmosphäre runden diese Klänge das Hörspiel kongenial ab.





Bewertung: