115 723.0
ein Fall für

Angst in der 9a




Kommentar von Christoph





»Ich wüsste nicht, was ich lieber täte, Antonio!«

(Otto »King« Seibold junior)




Ganz klar, die sechste Folge um unsere vier Freunde und Hund Oskar aus "Irgendwoindeutschland" zielt mit bewährter Präzision auf das Thema "Zivilcourage im Alltag" ab - und dies gleich im doppelten Sinne. Ziemlich unverhohlen wird hierbei ebenfalls das Thema Ausländer beziehungsweise Gastarbeiter angegangen, welches man wohl heute - immer noch tagesaktuell - unter dem Banner Migration zusammenfassen würde.

Dabei finde ich es bravourös, wie offen und mutig hier diese Sache, welche in unserer Gesellschaft meiner Meinung nach niemals wirklich ehrlich diskutiert wurde, mit in den Fokus gestellt wird. Sicherlich war die Thematik im Jahre 1981, als das Hörspiel erschien, noch wesentlich interessanter und fordernder, als es wohl heute der Fall ist. In dieser Zeit, ich ging gerade in die zweite Klasse, waren Mitbürger, welche aus dem Ausland zugezogen waren, noch eher die Ausnahme und schon etwas Besonderes - jedenfalls in unserer Gegend. Beispielsweise gab es in meiner Klasse 21 Schüler - darunter zwei Türken, ein Mädchen aus Polen sowie einen Jungen (mit den damals für mich unglaublichen Vornamen "Fernando") aus Brasilien.

»Sie machen Jagd auf Ausländer!«, berichtet die verzweifelte Italienerin Maria Estate über eine üble Rockerbande. Deren Anführer, der sich gerne »King« rufen lässt und in Wahrheit Otto Seibold heißt, hat überdies eine Rechnung mit Marias Freund Fabio Leone offen, da ihn diese seinetwegen abblitzen ließ. Er wäre also in Sachen Ausländer durchaus kompromissbereit. Dies umso mehr, als dass er auch für den Autohändler Antonio Borrello die eine oder andere Drecksarbeit gerne erledigt - gegen Bezahlung versteht sich. Geld relativiert eben alles - auch Ressentiments gegen Nicht-Landsleute. So ist sich der selbsternannte »King« auch nicht zu schade dafür, die Ex-Frau des Autoverkäufers zu terrorisieren, auf dass diese im Sorgerechtsstreit um den gemeinsamen Sohn Marco als psychisch angeschlagenes Wrack wohl schlechte Karten hätte.

Auf den ersten Blick völlig losgelöst von »King« und seinen Rockern spielt sich die titelgebende Geschichte der Klasse 9a ab. Deren eigentlich beliebte Lehrerin Frau Müller-Borrello wird von dieser regelmäßig fertiggemacht, wobei zwei Schüler, Bettger und Drechsel, sich im besonderen Maße hervortun und den Ton angeben. Beide werden sowohl durch Herrn Borrello, als auch durch den Rockerchef Otto Seibold instrumentalisiert. Frau (Müller)-Borrello - wiederum ein italienischer Name. Und ja, diese Gegebenheit macht es einem sicherlich schon relativ leicht, die Verbindungen zwischen der Lehrerin, dem mafiösen Autoverkäufer, der armen Maria nebst ihrem Freund und den Rockern zu erkennen. Dennoch finde ich gerade diese recht simple Struktur genial, und es ist ja wohl auch die Kunst bei einem Jugendhörspiel, mehrere Handlungsstränge so gekonnt miteinander zu verweben, dass ein gedankliches Durchkommen durch das Konstrukt dennoch problemlos möglich ist. Dieser Plan geht meiner Meinung nach hier voll und ganz auf.

Die Person des zwielichtigen Herrn Seibold Senior (von Hans Irle recht bestimmend gesprochen) finde ich ebenfalls recht erfrischend. Wenn der sprichwörtliche Apfel nun mal nicht weit vom Stamm zu fallen scheint, so lag es eigentlich auf der Hand, dass auch »Kings« Vater nicht viel taugen kann. Und natürlich werden in seiner Autowerkstatt gestohlene Autos aufbereitet und umlackiert, damit Antonio Borrello sie in seinem Autohaus an den Mann bringen kann. Wie gesagt, die Story ist recht gut nachvollziehbar - billig ist sie deshalb aber noch lange nicht.

Sehr bedeutsam finde ich die Standpauke, welche Tarzan der Klasse 9a zu Beginn einer Schulstunde macht. Ein echtes Plädoyer für Zivilcourage. Das hat großen Eindruck auf mich gemacht. So einen Tarzan wünscht sich sicherlich jeder gerne zum Freund. Toller Charakter. Und dann sind es natürlich wie immer die vielen Klischees, treffenden Namen sowie die flippigen Dialoge, welche eigentlich beinahe jede (frühe) »TKKG«-Folge zu etwas Besonderem machen.

»Du bist wohl blöd, Spaghettifresser!«, sagt beispielsweise der nette Herr Seibold, als er dem Anführer der »TKKG«-Bande kontert. Wie gut, dass wir dank Tarzan nun alle wissen, dass es schwarze Haare auch nördlich der Alpen gibt. Erstaunlich fand ich auch immer schon, dass ein Neuntklässler bereits in einem entsprechenden Etablissement in sein »Bier weinen« kann - wenn er denn wollte. Auch Klößchens Sprüche sind wieder mal hinreißend und super lustig - sogar, wenn es einmal nicht um seine geliebte Schokolade geht. »Dumm bin ich auch nicht, aber wie sehen meine Zeugnisse aus ...«

Und dann, wie gesagt, die Namen: Frau Müller-Borrello. Doppelnamen, besonders beliebt bei Frauen, die damals Ausländer geehelicht hatten und auf ihren deutschen Namen nicht gänzlich verzichten wollten. Fabio Leone - italienischer geht es wohl nicht (Man stelle sich vor, Fabio, der Sohn von "Mama Leone" - lach.). Und dann Maria Estate, was ja übersetzt "Sommer" bedeutet. Italien, Sommer, Sonne, Meer ... hier werden deutsche Ur-Sehnsüchte der 60'er/70'er Jahre geweckt. Maria Estate, wohl das Pendant zu Suzanne Hivers aus dem »blinden Hellseher« (Folge 2), wobei Hivers auf Französisch "Winter" bedeutet. Des Weiteren ein Mitschüler, der Ulrich Kanter-Ranke heißt - besser geht es wohl nicht - spezialgelagert.

Ganz witzig finde ich auch die Idee, dass der Kellner der Trattoria von Wolfgang Draeger (der ja ansonsten immer den Kommissar Glockner spricht) und der Polizist von Andreas Beurmann (der Onkel Titus aus den »drei ???«-Hörspielen) gesprochen wird. Ist mal was anderes - man hätte ja auch direkt wieder Gabys Vater einsetzen können. Auf der anderen Seite hätte ich nie gedacht, dass Wolfgang Draeger einen so überzeugenden Italo-Kellner abgeben kann - die hohe Kunst des Sprechens.

»Angst in der 9a«, ein sehr gutes Jugend-Hörspiel, welches zum Nachdenken anregt und ansonsten einfach nur Spaß macht.

Cinque punti ... äh Mucki ... ähhh Mucks, ovviamente!





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