115 678.0




1. Kommentar von Pitichinaccio





»Harry, wir müssen hier weg. Das, was diese Leute umgebracht hat, kommt zu uns!«

(Joanne Marlow)




Anders als bei manchen Hörspielen aus der Feder von H.G. Francis greift der Autor hier wirklich nur die Grundidee eines Filmes auf und geht dann recht schnell eigene Wege. »Formicula«, ein US-amerikanischer Film aus dem Jahr 1954 mit dem originalen Filmtitel »Them!«, liefert den Ausgangspunkt für dieses Hörspiel, nämlich den beginnenden Angriff von mutierten Riesenameisen in der Wüste eines amerikanischen Bundesstaates. Francis beschränkt die Handlung auf diesen Schauplatz und präsentiert für ein gut 30minütiges Hörspiel eine nicht allzu absurde Handlung sowie recht plastisch umrissene Figuren: Harry Marlow als Opfer seiner ständig nörgelnden Schwester Joanne sowie die burschikose Ärztin Dr. Barn, welche sich mit dem schwerfälligen und begriffsstutzigen Sheriff von Dustville herumschlagen muss.

Sicherlich sind die vier Charaktere und deren Beziehungen zueinander keine Aufarbeitung zwischenmenschlicher Probleme à la Tennessee Williams, aber immerhin muss man Franciskowsky attestieren, dass diese Protagonisten und ihre Dialoge das gesamte Hörspiel tragen. Angesichts der Monsterthematik kommt die Geschichte mit relativ wenig Actionszenen aus, und lediglich der Auftakt zum Finale, nämlich der Überfall der Ameisen auf die Wüstenstadt, wirkt etwas abgegriffen. Das Hörspiel punktet dafür mit einer bedrückenden Eröffnungssequenz, in der Harry und Joanne das zerstörte Haus und die beiden Toten finden, mit spannenden Szenen zwischen dem Anzeigenfachmann und der Ärztin von Dustville sowie einem akustisch überzeugenden Bild einer Kleinstadt. (Wer den Film »Tarantula« gesehen hat, wird sich diese zwangsläufig in schwarz-weiß vorstellen.)

Anteil an der unterhaltsamen halben Stunde haben auf jeden Fall die Sprecher der Hauptfiguren: Günther Flesch und Ursula Sieg sind ein ebenso ungewohntes wie erfrischendes und glaubwürdiges Gespann. Sie nehmen die Rollen ernst genug, um aus den Streitereien der Geschwister keine Ulkshow zu machen. Sehr selten besetzt und sehr präsent in der Rolle der Doris Barn zeigt sich Cordula Hubrich, ebenso energisch wie sympathisch. Wolfgang Völz, der in manchen EUROPA-Produktionen etwas unbeteiligt wirkt, präsentiert hier überzeugend den Urtyp des ignoranten und selbstgefälligen Gesetzeshüters. Dem Klischee einer solchen Figur folgend wäre es eigentlich konsequent gewesen, den zunächst ungläubigen Thomas letzten Endes durch die Ameisen umkommen zu lassen. Nun ja: vielleicht verzichtete man angesichts eines Jugendhörspiels auf eine weitere Leiche.

Die gerade in der »Gruselserie« häufig eingesetzte Musik von Carsten Bohn tut ihr Übriges, denn sowohl die Kompositionen an sich, wie auch deren Verwendung runden die Produktion ab. Einen leichten Punktabzug muss sich das Hörspiel für die Ameisengeräusche gefallen lassen. Zum einen klingt es bisweilen, als würden große Gummibälle hin und herspringen, zum anderen hört der treue EUROPA-Fan zweifelsohne den Flugbesen der Hexe Schrumpeldei aus dem Insektenkauderwelsch heraus, sodass gerade hier ein wenig Gruselatmosphäre verlorengeht. Hier wäre ein bisschen weniger tatsächlich mehr gewesen. Als Beispiel mag die Anfangsszene dienen, welche auch ohne Riesenflummis und Hexenbesen-Emissionen auskommt.

Fazit: solider Jugendgrusel mit einer kurzen, knackigen Geschichte und engagierten Sprechern. Für mich ist der »Angriff der Horrorameisen« eine der wenigen guten "grünen" Folgen.





Bewertung:










2. Kommentar von Christoph





»Nicht einmal Hilfe kannst du holen ...«

(Joanne Marlow)




Ich schätze, ich bin nicht der Einzige, der in dem kleinen Wüstenkaff Dustville eher die Riesenspinne aus dem Jack-Arnold-Klassiker »Tarantula« aus dem Jahre 1955 verortet hätte. Auch wenn natürlich der bereits ein Jahr früher erschienene Horrorfilm »Formicula« (»Them«) wohl für dieses Hörspiel die Steilvorlage bot, so konnte ich mit diesem weit weniger bis gar nichts anfangen. Ist ja eigentlich auch egal, krabbeln tut's ja bei beiden und das Skript von Hans Gerhard Franciskowsky kommt erfrischenderweise weder dem einen noch dem anderen sonderlich nah.

Vorweg möchte ich jedoch schon jetzt nehmen, dass Franciskowsky ein recht gruseliges und sehr unheimliches Hörspiel gelungen ist - sicherlich nicht bis ins letzte Detail durchdacht. In dieser fünften Folge seiner Gruselserie gibt es wirklich unheimliche Momente, welche eine total beklemmende Atmosphäre transportieren und einem wahrlich einen Schauer über den Rücken laufen lassen. Ähnlich konzentrierter Grusel in dieser Reihe ist mir allenfalls noch aus dem »Schloss des Grauens« bekannt. Beispielsweise, als die ersten Opfer der Ameisen aufgefunden werden und Joanne plötzlich einen markerschütternden Schrei ausstößt, hatte ich mich damals total erschrocken. Echter Horror und ein Wahnsinns-Schrei. Mich würde interessieren, ob Ursula Sieg diesen schon beim ersten Versuch so toll hinbekommen hat. Wie kann man überhaupt so schreien? Ursula Sieg - meine persönliche "Scream-Queen" - vergesst Jamie Lee Curtis aus dem Slasher-Film »Halloween - Die Nacht des Grauens« (1978).

Worum es geht: Harry Marlow und seine ziemlich dominante Schwester Joanne haben eine Panne - der Motor will (ach, wie originell) nicht mehr anspringen. Harry, ein Handwerker mit fünf Daumen an jeder Hand, muss unter den bissigen Kommentaren seiner Schwester einsehen, dass er nichts ausrichten kann. Man sucht Hilfe und findet zwei grausam zugerichtete Leichen, welchen wohl das Blut entzogen wurde (»Sie sehen aus wie Mumien.«). Unterdessen nimmt man seltsame, aber sehr unheimliche Geräusche wahr. Man betritt das Wüstenstädtchen Dustville und sucht den Sheriff auf. Dieser glaubt den beiden natürlich kein Wort und man muss den Guten schon fast mit der Brechstange bearbeiten, um sein Interesse für die Sache zu gewinnen. Dann gibt es noch die recht bestimmende Dr. Doris Barn (wahrlich der Traum aller Männer), welche Harry ihre Hilfe anbietet und ihn wohl auch ansonsten ganz gern leiden mag.

Harry und Doris stöbern die Riesenameisen auf. Nur knapp können sie diesen entkommen. Fatalerweise bewegen sich die tödlichen Krabbler mehr und mehr auf das Städtchen Dustville zu. Nun gilt es, den knurrigen Sheriff zu überzeugen - kein leichter Akt. Die Ameisen kommen, doch dank einer genialen Idee Harrys kann man die Monster in ihren Bau zurücktreiben und schließlich unschädlich machen - Benzin sei Dank.

An diesem Hörspiel gefallen mir besonders die Szenen, in welchen die Protagonisten direkt mit der tödlichen Gefahr konfrontiert werden - sprich, wenn die "Ants" kommen. Das ist wirklich Spannung und Grusel pur. Man ist praktisch dabei und wünscht sich nur schnellstens weg.

Auch die Sprecher machen ihre Sache recht gut. Wolfgang "Käpt'n Blaubär" Völz gibt einen wahrlich kantigen Sheriff ab, dem man am liebsten in den Hintern treten würde. Außerdem wundert man sich, dass man diesen im Saloon antrifft. Ist wohl so in USA. Cordula Hubrich spielt eindrucksvoll eine wohl desillusionierte Akademikerin - wenig charmant, dafür mit Charakter und Durchsetzungsvermögen - nichts zum Heiraten.

Günther Flesch als Harry Marlow und Ursula Sieg sind ebenfalls ein Dreamteam - sozusagen die Geschwister Tom und Eireen unter Ameisenbedingungen. Es ist einfach herrlich mit anzuhören, wie der tollpatschige Harry all diese Spitzen und Demütigungen seiner nervigen Schwester ertragen muss. Der arme Kerl kann einem wirklich nur leidtun, und ich gehe jede Wette ein, dass das Stück auch ohne die Killer-Ameisen ein dramatisches Ende gefunden hätte. So eine Schwester erträgt keiner auf Dauer. Ein doppelter Whiskey zu viel, das eine oder andere falsche Wort, die Wüstenhitze ... (he, he, he)

Apropos Ende: Dieses finde ich nicht ganz so toll. Gut, dass sich durch Mutation auf Grund der ganzen unsäglichen Atombombentests die sechsbeinigen Krabbler in fiese Monster entwickeln können, leuchtet mir noch ein ... glaube ich. Aber warum kann man diese durch eine Tonbandwiedergabe ihrer eigenen Geräusche beeindrucken und in die Schranken weisen? Vor allem, was für ein super Equipment muss Harry zur Verfügung gestanden haben? Recht guter Raumhall in der Wüste. Ich denke da immer an meinen wahnsinnig lauten Kassettenrekorder von damals. Und dann, wie kommt Harry auf diese sensationelle Idee? Wusste er, dass es sich lohnt, für ein paar Tonbandaufnahmen sein Leben zu riskieren? Auf der anderen Seite freut es mich, dass der leidgeplagte Harry auch mal einen Treffer landet - wenn auch nur einen zufälligen. Das hat ihm bestimmt sehr gutgetan. Welch ein Sprung: Vom ewigen "Turnbeutelverbummler" zum Retter einer kleinen Kleinstadt. All right, Harry!

Der fünfte Streich der Gruselserie, ein gelungenes Stück Hörspielgeschichte. Spannend, einfallsreich, kurzweilig, gut erzählt ... kann man immer wieder hören. Darüber hinaus ist »Der Angriff der Horrorameisen« auch wieder mal ein gutes Beispiel dafür, wie man ein Hörspiel, welches ohne die Musik von Carsten Bohn auskommen muss, zerstören kann. Die 1999'er Version mit der neuen Musik ist einfach eine Katastrophe - teilweise mit Techno-Sound. Die komplette Atmosphäre wurde dem Erdboden gleichgemacht. Das hätten wohl nicht mal die Horrorameisen so hinbekommen. Die Gruselserie 1999 - ein Fall für die Rundablage.

In der Urversion jedoch fette vier Mucks wert.





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