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Winnetous Vermächtnis




1. Kommentar von Pitichinaccio




Gemeinsam mit »Winnetou I (3. Folge) Der schwarze Mustang« erschien 1977 mit dem vorliegenden Hörspiel der letzte EUROPA-Beitrag zur Biographie des unsterblichen Apatschenhäuptlings. Ebenso wie man hier nach neun Jahren "Winnetou-Pause" plötzlich einen neuen Schluss präsentierte, hatte seinerzeit auch Karl May seine Reiseerzählung »Winnetou IV« (später: »Winnetous Erben«) erst 17 Jahre nach Abschluss der ursprünglichen Trilogie veröffentlicht, nämlich im Jahre 1910.

Auch wenn Peter Folken bei der Bearbeitung der Buchvorlage einige der handelnden Personen aus der leicht verklärten Erzählung strich, um dem Hörspiel erneut einen Hauch von Abenteuer ähnlich den alten Produktionen zu verleihen, so merkt auch der unvorbereitete Hörer, dass hier andere Dinge eine Rolle spielen als Verfolgungsjagden und Kampfgetümmel. May nähert sich dem Schluss der Saga aus der philosophischen Richtung und Folken lässt dies auch nicht außer Acht.

Etwas holperig erscheint das Ganze trotzdem. Gleich einem groß angelegten Finale wie am Ende einer Zirkusvorstellung marschieren noch einmal alle beteiligten Künstler auf (hier in Person der Häuptlinge), während Old Shatterhand in altgewohnter Manier analysiert, kombiniert, philosophiert und allen den Frieden bringt. Mit dem Grundgedanken des Hörspiels, der Frage, ob Winnetou ein Denkmal gesetzt werden soll oder nicht, konnte ich mich allerdings immer gut anfreunden.

Wie in der bereits erwähnten Parallelproduktion »Der schwarze Mustang« gibt auch hier Heinz Trixner den Old Shatterhand, den er beanstandungsfrei abliefert. Gleichwohl: Auch hier fehlt mir Michael Poelchau. Die übrigen Sprecher lassen bestenfalls ahnen, welche alten Bekannten aus den ersten drei Teilen man hier wiedertrifft: Lothar Grützner, von mir wegen seiner Vielfältigkeit sehr geschätzt, ist kein Ersatz für den gebrochenen Tangua Josef Dahmens und auch Andreas von der Meden (Pida), wohl eine der verdientesten Stimmen aus Heikedine Körtings Stammensemble, wirkt in meinen Ohren etwas deplatziert. Konrad Halver in der Rolle Winnetous hat nur kurze Texteinwürfe, macht seine Sache aber gut.

Musikalisch dominieren auch hier die klassischen Melodien, die 1970 bereits im »Old Surehand«-Zweiteiler sowie im »schwarzen Mustang« Verwendung fanden, und in meinen Ohren geht die Rechnung auf - was auch daran liegen mag, dass die aus der Romantik stammenden Werke genau meinen Musikgeschmack treffen. Da hier nicht dieselbe Weltuntergangsstimmung herrscht wie bei »Winnetou I (3. Folge)«, hatte man auch mehr Auswahl bezüglich der einzusetzenden Musikstücke.

Fazit: mit »Winnetous Vermächtnis« leistete man sich zwar nicht einen solchen Ausrutscher wie mit dem »schwarzen Mustang«. Dass Karl May mit seiner Erzählung »Winnetou IV« jedoch einen völlig anderen Stil wählte, ist bei dem Versuch, eine homogene Fortsetzung der bereits erschienenen Hörspiele zu schaffen, eine kaum zu lösende Herausforderung. Das Ergebnis ist somit weder dem Bearbeiter, noch den Sprechern oder der Regisseurin vorzuwerfen. Aber auch wenn die vorliegende Produktion wiederum nicht die Stimmung der 1968'er-Aufnahmen unter Konrad Halver aufleben lassen kann, so passt die Geschichte wenigstens thematisch in die Reihe.

Ich für meinen Teil hätte es jedoch begrüßt, wenn die Abenteuer von Winnetou und Old Shatterhand mit den Worten Michael Poelchaus

»Doch solange es Männer der roten Rasse gibt,
wird er weiterleben, geachtet selbst von
seinen Feinden. Er, der Edelste der Indianer:
Winnetou, der Häuptling der Apatschen!«

hätten enden dürfen. Howgh!





Bewertung:










2. Kommentar von Carl Mai





»Sollte Old Shatterhand vermögen, was niemand vermochte? Jetzt erst begreift Tatellah-satah, warum Winnetou ihn höherstellte als jeden seiner roten Brüder.«

(Tatellah-satah)




Zur Buchvorlage

Karl Mays Roman »Winnetou, Band IV« erschien 1909 und 1910 als Vorabdruck in einer Zeitung. Schon 1910 erfolgte die Veröffentlichung in Buchform als letzter Band der Gesammelten Reiseerzählungen. In der bearbeiteten Ausgabe des Karl-May-Verlages erhielt der Band später den heutzutage geläufigeren Titel »Winnetous Erben«. Bemerkenswert ist, dass Karl May sich vor der Niederschrift des Romans knapp zwei Monate lang erstmalig in Nordamerika aufgehalten hatte. Damit war das Werk mehr oder weniger tatsächlich eine Art Reiseerzählung. May hatte ursprünglich geplant, dem Roman noch das im Werk erwähnte Testament Winnetous in sechs bis zehn Bänden folgen zu lassen.

Der inzwischen über 60-jährige Ich-Erzähler Karl May alias Old Shatterhand erhält im Jahr 1908 in seinem Heimatort Radebeul bei Dresden mysteriöse Briefe, in denen er gebeten wird, in die Vereinigten Staaten und zum Mount Winnetou zu kommen, wo ein Kongress aller Indianer stattfinden soll. Geschrieben hat ihm unter anderem Tatellah-satah, der greise, von allen Stämmen verehrte "Bewahrer der großen Medizin", welcher eine Verfälschung des Winnetou-Andenkens verhindern will.

Des Weiteren erhält Old Shatterhand Besuch von einem Hariman Enters, der beabsichtigt, eine amerikanische »Winnetou«-Buchausgabe zu verhindern. May enttarnt ihn als Sohn seines Erzfeindes Santer, der den Namen seiner Familie vor Entehrung zu schützen beabsichtigt. Shatterhand lehnt ab, stimmt aber einem Treffen mit Hariman und dessen Bruder Sebulon in einem Hotel bei den Niagara-Fällen zu. Shatterhand reist mit seiner Frau, dem "Herzle", dorthin. Hariman möchte die Schuld des Vaters sühnen und damit seine Selbstmordneigungen bezwingen, während Sebulon plant, Old Shatterhand den Utahs und Sioux, Komantschen und Kiowas ausliefern, die sich zu einem heimlichen Kriegszug gegen die Apatschen verschworen haben.

Shatterhand erklärt sich bereit, den Brüdern den Nugget-Tsil und das »Dunkle Wasser« zu zeigen, sofern sie seine moralische Prüfung bestehen sollten. Als nächster Treffpunkt wird Max Pappermanns Hotel in Trinidad/Colorado bestimmt. Pappermann schließt sich dem Westmann an, als dieser zur Teufelskanzel (Devils Pulpit) aufbricht. Zu ihnen stößt noch »Junger Adler«, welcher dem Winnetou-Clan angehört. Dieser Clan vereinigt Gutgesinnte aller Herkunft im Gedenken an den großen Apatschen und verpflichtet dazu, Schutzengel/Beschützer eines anderen zu sein.

Am Devils Pulpit enträtselt Shatterhand das geoakustische Geheimnis des Ortes, und es gelingt ihm, die feindlichen Häuptlinge zu belauschen. Mit den Enters trifft er kurz vor dem Nugget-Tsil zusammen, wo erneute Grabungen an Intschu-tschunas Grab Winnetous geistiges Vermächtnis in fünf Büchern zutage fördern, die Shatterhand vor Jahrzehnten nicht bemerkt hatte. Dieses Erlebnis führt auch die Enters nach heftigem seelischen Kampf zur inneren Umkehr. Sie lassen sich als Beschützer der Mays in den Winnetou-Clan aufnehmen.

Eine unerfreuliche Konfrontation bringt das Eintreffen des "Komitees". Durch Belauschen der feindlichen Häuptlinge wird deren Schlachtplan bekannt. So vorbereitet erreicht man den Mount Winnetou, wo tausende Indianer aller Stämme versammelt sind und Tatellah-satah die Ankömmlinge in seinem Bergschloss empfängt. Er berichtet von der bereits weitgehend realisierten Absicht, Winnetou durch eine steinerne Kolossalstatue zu ehren, die einen kriegerischen und angriffsbereit Eindruck erweckt. Shatterhand gelingt es, durch Verlesen von Winnetous Testament vor den Häuptlingen die wahre Haltung des Apachen zu verdeutlichen.

Noch droht der Überfall durch die feindlichen Indianerstämme, der aus einer unterirdischen Höhle heraus stattfinden soll. Das Schicksal nimmt seinen Lauf: Das genau über der Höhle errichtete Fundament des Winnetou-Denkmals bricht ein, die Höhle wird verschüttet und die feindlichen Krieger sitzen in der Falle. Mit den unverletzt Geborgenen wird unter der Schirmherrschaft des Winnetou-Clans Friede geschlossen. Unter den wenigen Toten befinden sich auch die Brüder Enters/Santer, die sich für die Mays geopfert und damit die väterliche Schuld gesühnt haben. »Junger Adler« umkreist in einer Flugmaschine dreimal den "Berg der Medizinen", bringt den Häuptlingen die von Shatterhand erbeuteten Medizinen zurück und erfüllt damit eine Prophezeiung, die ein neues Indianerzeitalter einläutet.

Der vierte Band der »Winnetou«-Reihe ist weit weniger bekannt als seine Vorgänger. Überhaupt ist Karl Mays Alterswerk und die darin enthaltene, symbolhafte, ja teils phantastische Erlebnis- und Bilderwelt von der breiten Masse bislang nicht wahrgenommen worden. Karl May ließ die Erlebnisse seiner einzigen und im hohen Alter erfolgten Nordamerikareise unmittelbar in den Roman einfließen. Die Fiktion seiner frühen Erzählungen vom Wilden Westen waren längst von der Realität eingeholt worden. Die Idee, dass sich die Gemeinschaft der roten Stämme nach einer Versöhnung als großer Clan selbst vor dem Untergang retten könne, beschrieb er hier basierend auf einer Ideologie des "roten Heilands" Winnetou.



Mein Kommentar

Von den 12 Kapiteln sowie Vor- und Nachwort des Romans wurden die Kapitel 4, 5, 9 und Teile aus 11 und 12 für das Hörspiel verwendet.

So schwach die erste Karl-May-Produktion aus dem Hause EUROPA im Jahr 1977 - »Winnetou I (3. Folge) Der schwarze Mustang« - ausgefallen war, so stark erweist sich diese Umsetzung in Bezug auf Reduzierung der tiefenpsychologischen Zusammenhänge auf eine hörspielverträgliche Ebene und auch in Bezug auf die ansprechende Gesamtatmosphäre. Man kann mit vollem Recht sagen, dass die Karl-May-Hörspiele von EUROPA hierin einen würdevollen Abschluss gefunden haben.

Wie bereits bei »Winnetou I (3. Folge) Der schwarze Mustang« geschehen, so versuchte man auch hier über die Titelwahl das Hörspiel als festen Bestandteil der Winnetou-Trilogie zu kennzeichnen. Lediglich auf der Rückseite des Covers wurde der Untertitel »Winnetous Vermächtnis« genannt. Eine Veröffentlichung unter dem Haupttitel »Winnetous Vermächtnis«, »Winnetou IV« oder »Winnetous Erben« wäre sinnvoller gewesen.

Es lässt sich der Produktion kaum anmerken, dass zwischen Winnetous Tod und dem aktuellen Geschehen gut und gerne 40 Jahre liegen. Die Handlung beginnt direkt im Wilden Westen, also in der Fiktion von Mays Romanwelt. Es wird vermieden, den Radebeuler Karl May und die fiktive Westerngestalt Old Shatterhand als eine Person darzustellen, wie es May in seinem Roman ja schlussendlich ausdrücklich gemacht hat. Der Hörer gewinnt den Eindruck, dass nach Winnetous Tod erst wenige Jahre vergangen sind. Als Old Shatterhand wurde wiederum Heinz Trixner gewählt, der genauso alt beziehungsweise jung klingt wie auf den vorangegangenen Hörspielen in dieser Rolle und in keinster Weise vorgibt, ein in die Jahre gekommener Old Shatterhand zu sein.

Aus dem Roman wurden diejenigen Szenen gewählt, die auch in Karl Mays Jugendromanen hätten spielen können. Der phantastische Überbau und das Episch-Breite wurden auf Normalmaß reduziert und dem Kinder-Hörspiel angepasst. Dieser Strategie sind auch eine ganze Reihe entscheidender Figuren zum Opfer gefallen, so zum Beispiel Karl Mays Frau, die Söhne Santers und Pappermann. Trotz alledem wird die versöhnende Botschaft, die Winnetou in seinem Testament für die Nachwelt festgehalten hat, eindrucksvoll vermittelt.

Handwerkliche Fehler gibt es nur marginal: Gernot Endemann mag als »Junger Adler« nicht jung genug erscheinen. Old Shatterhand ruft den feindlichen Indianerhäuptlingen an der Teufelskanzel »Schurken!« zu; es klingt jedoch wie "Schurschen". Ein Wirrwarr besteht bei den gefundenen Medizinen: Old Shatterhand berichtet: »Nur Kiktahan-schonka, der Sioux, hat seine Lanze [= Medizin] mitgenommen.« »Junger Adler« findet dann jedoch einen Teil der Medizin Kiktahan-schonkas am Boden: Zwei Hundepfötchen. Im Finale besitzt Shatterhand dann die vollständige Medizin. Kiktahan-schonka höhnt: «Halbe Medizinen wirken nicht - die Hälfte fehlt!« Darauf erwidert Shatterhand: »Nein, sie fehlt nicht. Sie ist hier!« Daraufhin präsentiert er die Hundepfötchen.

Bei der Auswahl der Musik orientierte man sich erfreulicherweise an recht getragenen, klassischen Stücken von Tschaikowsky, Suppé und Delibes, die bereits in den beiden »Old Surehand«-Hörspielen zum Einsatz gekommen waren und auch diesem Hörspiel die entsprechende Atmosphäre verleihen.

Karl Mays Roman »Winnetous Erben« wurde als Hörspiel erstmals 1976 von der Metronome auf dem Label »Unsere Welt« umgesetzt. verantwortlich war hier Kurt Stephan. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass man sich bei EUROPA durch diese Produktion dazu hat inspirieren lassen, die recht unbekannte Vorlage Mays in Hörspielform zu gießen.





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