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| Der schwarze Mustang |
| 1. Kommentar von Pitichinaccio |
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Das Jahr 1977, welches dem abenteuerhungrigen Hörer so viele beeindruckende EUROPA-Produktionen bescherte, brachte auch eine sehr ungelenk in die »Winnetou«-Trilogie von 1968 transplantierte Aufnahme ins Plattenregal: »Der schwarze Mustang«. Die zugrunde liegende Einzelgeschichte Karl Mays, zunächst 1899 als Buch unter eben diesem Titel und später mit einigen Änderungen als »Halbblut« (1916) verlegt, erhielt hier offenbar zu Verkaufszwecken den Titel »Winnetou I (3. Folge)«. In mehrfacher Hinsicht präsentiert sich diese Idee jedoch als schwacher Kompromiss. Zum einen hatte man sich mit dem nachträglichen Einfügen dieser Geschichte zwischen dem Ende von »Winnetou I« und dem Beginn von »Winnetou II« nun wirklich die ungünstigste Stelle ausgesucht, da diese beiden Geschichten in der Hörspielfassung nahtlos ineinander übergehen. So müssen die beiden Freunde am Ende des vorliegenden Hörspiels genau dahin zurückreiten, wo sie aufgebrochen sind, um »Winnetou II« logisch anschließen zu lassen. Selbst für einen jungen Hörspielhörer war dies eine recht verkrampfte Situation. Zudem - das mag auch an der erzählten Geschichte liegen - geriet das Hörspiel in meinen Ohren unglaublich morbide: Der Totengesang zu Beginn der Aufnahme, der Ritt im Regen, der ungewollte Aufenthalt in Firewood Camp, die ganzen chinesischen "Gastarbeiter" in jener Siedlung, die unterdrückten Indianer ... all dies wirkte einfach nur deprimierend. Niemand in dieser Geschichte schien irgendwie Freude empfinden zu können und gern dort zu sein. Und letztlich war auch der Sieg über die Bösewichte Ik-senanda (der sogar wieder entfliehen kann) und Tokvi-kava keine Genugtuung, denn der Apatschenhäuptling und sein Blutsbruder hatten eigentlich ganz andere Sorgen ... Mit Schrecken musste ich zudem feststellen, dass der von mir heißgeliebte Michael Poelchau in der Rolle Old Shatterhands aus der 68'er-Produktion durch Heinz Trixner ersetzt worden war - ein Tausch, den ich nie wirklich akzeptieren konnte. Konrad Halver hatte man eigens für diese Produktionen wieder ins EUROPA-Studio geholt, aber Klang, Dialoge, Stimmen, Musik und Geräusche dieser Aufnahme wollten einfach nicht zu dem passen, was ich schon seit Jahren aus dem Wilden Westen kannte. Heinz Trixner ist im Ergebnis nichts vorzuwerfen, und auch Konrad Halver findet in den "Winnetou-Modus" seiner frühen Jahre zurück. Wolfgang Kaven und Reiner Brönneke geben überzeugende indianische Schurken ab. Die Musikauswahl gleicht derjenigen, mit der man bereits 1970 auch den »Old Surehand«-Zweiteiler versah, aber irgendwie bleibt die Produktion in bedrückender Schwere stecken. Auch die letzten Worte Old Shatterhands, dass man schon zu viel Zeit verloren habe, um den Mörder Nscho-tschis zu suchen, bestärkten mich als Hörer in der Frage: Ja, und warum erzählt ihr mir das dann alles? Die parallel entstandene Produktion »Winnetous Vermächtnis«, hier als »Winnetou III (3. Folge)« an die Aufnahmen von 1968 drangepappt, weist ein ähnliches Manko auf, welches ein wenig durch die größere Anzahl an handelnden Personen und wechselnden Schauplätzen wett gemacht wird. Aber auch jenes Hörspiel bleibt ein Fremdkörper in der schließlich achtteiligen »Winnetou«-Saga mit dem EUROPA-Etikett. Fazit: Kommerziell mag sich dieser holperige Kunstgriff gelohnt haben, der Hörspielreihe an sich hat man damit jedoch keinen Gefallen getan. Es ist ein wenig so, als hätte man nachträglich in Hitchcocks »Psycho« eine kurze Farbsequenz mit anderen Schauspielern geschnitten, in der erklärt wird, wann die neue Landstraße nach Fairvale gebaut wurde und warum Bates Motel nun so abseits liegt. Zwei Mucks möchte ich dennoch vergeben, weil - ob nun gewollt oder ungewollt - die Aufnahme sehr konsequent diese depressive und düstere Stimmung ausstrahlt, die ihresgleichen sucht. |
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| 2. Kommentar von Carl Mai |
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| Zur Buchvorlage |
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Die Erzählung »Der schwarze Mustang« beziehungsweise »Halbblut« hat mit der »Winnetou«-Trilogie nichts zu tun. Sie wurde als Hörspiel künstlich unter dem Titel »Winnetou I (3. Folge)« in die Winnetou-Serie eingefügt. Karl Mays Jugenderzählung »Der schwarze Mustang« erschien 1896/97 zunächst in Fortsetzungen in einer Zeitschrift. 1899 beziehungsweise 1916 folgten dann bearbeitete Fassungen unter dem Titel »Halbblut« in Buchform. Der Text blieb aber weiterhin eine Erzählung und wurde nicht zum buchfüllenden Roman ausgebaut. Er beansprucht etwa die Hälfte des Umfangs anderer Karl-May-Romane. Die beiden deutschen Vettern Has und Kas Timpe fühlen sich um eine reiche Erbschaft betrogen, der sie nun im Wilden Westen nachjagen wollen. Im Eisenbahnerlager Firewood-Camp treffen sie auf Winnetou und Old Shatterhand, die einen Verdacht gegen den halbblütigen Scout des Lagers schöpfen, welcher sich Jato-inda ("Guter Mann") nennt. Offenbar handelt es sich bei diesem um Ik-senanda ("Böse Schlange"), einen Enkel des Komantschen-Häuptlings Tokvi-kava ("Schwarzer Mustang"), welcher das Lager ausspionieren soll. Winnetou und Old Shatterhand gelingt es, die Pläne der feindlichen Indianer zu erraten und den Mestizen zur Flucht zu bewegen, um Vorbereitungen zur Verteidigung des Lagers treffen zu können. In der gleichen Nacht werden ihre Gewehre - Silberbüchse, Bärentöter und Henrystutzen - von zwei chinesischen Arbeitern gestohlen, denen wiederum der »Schwarze Mustang« die Waffen abnimmt. Winnetou und Old Shatterhand fahren per Bahn zur nächsten Station Rocky-Ground, wo sie auf Hobble-Frank und dessen Vetter Tante Droll treffen. Der Apatsche und sein Freund können die Indianer, welche einen Angriff auf das Eisenbahnercamp vorbereiten, belauschen, ihre Gewehre wieder an sich zu bringen und den Mestizen gefangen nehmen. Mit dem Zug geht es zur vorbereiteten Falle in der Nähe des Firewood-Camps zurück, wo man die erst später eintreffenden Komantschen in der Felsenschlucht Birch-Hole überrascht und gefangen nimmt. Winnetou und Old Shatterhand sind gnädig und schenken den Gefangenen das Leben. Pferde, Waffen und Medizinen ab werden den Gefangenen jedoch abgenommen, womit sie entehrt sind. Tokvi-kava und Ik-senanda werden aus dem Stamm der Komantschen ausgestoßen. Der wütende »Schwarze Mustang« und sein Enkel stoßen bei ihrem Marsch durch die Sierra Moro auf eine Gruppe von Goldsuchern, die von einem alten Mann - von den anderen "Majestät" genannt - angeführt wird. Die Goldsucher werden von Ik-senanda mit der Aussicht auf einen großen Goldfund in der sagenhaften Bonanza of Hoaka in eine Felsenfalle gelockt, um ihnen die Pferde abzunehmen. Old Shatterhand und seine Freunde können eingreifen und die Goldgräber befreien. Schließlich wird auch der Erbschaftsbetrug an den Timpes enträtselt: Unter den Goldgräbern befindet sich der gesuchte, angeblich verbrecherische Vetter Nahum Timpe, der die Geschichte von der verlorenen, reichen Erbschaft als bösen Spaß unseliger Verwandter aufklärt. |
| Mein Kommentar |
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Von den fünf Kapiteln der Erzählung wurden Teile aus den Kapiteln 1, 2, 3 und 4 verwendet. Das von Karl May zeitlich nicht näher definierte Abenteuer wurde für das Hörspiel zwischen die Beerdigung Intschu-tschunas und Nscho-tschis und die Verfolgung Santers eingefügt, also zwischen die Romane »Winnetou I« und »Winnetou II«, beziehungsweise zwischen die Hörspiele »Winnetou I (2. Folge)« und »Winnetou II (1. Folge)« und erhielt damit den Titel »Winnetou I (3. Folge)«. Die Erzählung hat mit den Ereignissen der »Winnetou«-Trilogie nichts zu tun und passt trotz der starken Kürzung der Erzählung auf wenige Szenen nicht in den gewählten, ernsten Rahmen. Der Titel »Der schwarze Mustang« fand sich lediglich auf dem Rück-Cover der LP. Die Entscheidung, die Erzählung hier einzubauen und den verkaufsträchtigen Titel »Winnetou« verwenden zu können, stand offenbar im Vordergrund. 1975 hatten Konrad Halver und Peter Folken bei der BASF bereits ein eigenes Hörspiel »Halbblut« produziert, welches gelungener erscheint als diese EUROPA-Fassung. Im selben Jahr waren beide nach jahrelanger Abwesenheit erstmals wieder für EUROPA tätig (»Old Shatterhand«, »Old Firehand« in jeweils zwei Folgen). Das hier kommentierte Hörspiel sowie das letzte Karl-May-Hörspiel bei EUROPA »Winnetou III (3. Folge)« entstanden 1977. 1979 übernahm dann Konrad Halver die Idee, der »Winnetou«-Trilogie Zwischenfolgen einzufügen, für das BASF/Piccolo-Label und produzierte dort »Winnetou II, 3. Folge - Der alte Scout« und »Winnetou III, 3. Folge - Die Geier des Llano Estacado«. 1987 übernahm Halver auf dem Label Karussell im Hörspiel »Halbblut« letztendlich die Hauptrolle. Um das Hörspiel als Einschub passender zu machen, wurden weite Teile der Handlung und eine Reihe von Personen fortgelassen. So fehlt der Handlungsstrang der Timpevettern und ihrer Erbschaft sowie der Komplex der Goldgräber. Neben den Timpevettern wurden auch die Westleute Hobble-Frank und dessen Vetter Tante Droll gestrichen. Diese hätten zwischen Winnetous Schwur und der Befreiung Sam Hawkens' inhaltlich gar zu sehr danebengelegen. Letztendlich ist das Hörspiel auch für EUROPA-Verhältnisse mit nicht einmal 33 Minuten Länge äußerst kurz geraten und arm an handelnden Personen. Im Einfügen von »Winnetou I (3. Folge)« zwischen die Hörspielkomplexe »Winnetou I« und »Winnetou II« ergab sich eine Reihe von formalen und inhaltlichen Ungereimtheiten: Old Shatterhand erhält seinen berühmten Stutzen vom Büchsenmacher Henry tatsächlich erst in »Winnetou II«. Im »schwarzen Mustang"« besitzt er ihn jedoch bereits. Der Mord an Intschu-tschuna und Nscho-tschi müsste sich anscheinend innerhalb von etwa zwei Tagen im Wilden Westen herumgesprochen haben. Ebenso die Tatsache, dass Winnetou nun Häuptling der Apatschen und Besitzer der Silberbüchse ist, sollte also schon in dieser kurzen Zeit bekannt geworden sein. Old Shatterhand kann zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht solch einen Berühmtheitsgrad gehabt haben, dass sein Name unter Westleuten geläufig ist. Während in »Winnetou I« der Bau der Eisenbahn von den Apatschen anfänglich äußerst kritisch gesehen wird, ist es in diesem Anhang nun schon selbstverständlich, dass wenige Tagesreisen vom Nugget-Tsil entfernt die Bahnstation Firewood Camp liegt. Auch das passt nicht zusammen. Winnetou wirkt hier gleich zu Beginn beim Verhör des Halbbluts äußerst fahrig und viel zu redselig. Man vermisst seine Würde im Stil der ursprünglichen EUROPA-Trilogie von 1968. Die chinesischen Arbeiter wirken in ihren Hörspiel-Rollen, gesprochen von Franz-Josef Steffens und Horst Schick, geradezu lächerlich. Leider erinnert die gesamte Atmosphäre des Hörspiels weniger an die besseren Karl-May-Hörspiele von EUROPA als viel mehr an ein Hörspiel in der Art wie »Mein Freund der Shawano«: Alles easy-going ohne Spannung, Dramatik und Tiefe. Bei der Auswahl der Musik orientierte man sich erstaunlicherweise weder an den Stücken des somerset-Labels, welche ursprünglich für die »Winnetou«-Trilogie verwendet wurden, noch an den Kompositionen, die 1972 die Karl-May-Aufnahmen von Dagmar von Kurmin bestimmten. Es werden hauptsächlich klassische Stücke verwendet, die 1970 auf dem Zweiteiler »Old Surehand« zu hören waren. |
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