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und das Geisterschloß






Ein Kommentar von Pitichinaccio


Mit Dank an Holger und in Erinnerung an die gemeinsamen
Flohmarkttouren zwischen Rottleben und Klettenborn

Kommentar durch den Enkel des Bürgermeisters
von Rottleben vorlesen lassen









»Wie schön musste das alles hier einmal gewesen sein: verblasste Deckengemälde, Wandmalereien und gewaltige, noch immer ein wenig funkelnde Kronleuchter ließen das ahnen.«

(Erzähler)




Paetsch, Kehlau, Kieling, Schneider,
von der Meden, Maasberg, Kaven,
Lamster, Chrzescinski, Dahm, Heeckt ...


Im Grunde könnte der Kommentar hier enden, denn mit dieser Besetzungsliste konnte nichts mehr schiefgehen, mit diesen Namen ist alles gesagt. Die Truppe hätte beide Bände des Hamburger Telefonbuches von 1974 vorlesen können, und ich hätte ihnen andächtig zugehört.

Nur würde man dem Ergebnis nicht gerecht werden, welches Heikedine Körting (Hörspielbearbeitung und Regie) sowie Andreas Beurmann (Musikauswahl) hier geschaffen haben. Sicher: Am Ende des Tages ist es eine Enid-Blyton-Geschichte mit ein paar neunmalklugen Kinderdetektiven, aber da zumindest ein paar der typischen Zutaten fehlen - ich denke an den obligatorischen Geheimgang, das Haustier, welches die Kinder begleitet und klüger ist als der Dorfpolizist sowie die allgegenwärtige, verbrecherische Zigeunerbande -, ragt das Ergebnis hörbar aus dem üblichen Blynerlei heraus.

Aber ... da ist noch etwas anderes. Da ist echte Atmosphäre, eine Szenerie jenseits wuchtiger Orchestereinsätze, epochaler Geräuschkulissen und digitaler Stimmverzerrer, welche sich heute in wirklich jeder dramatischen Hörspielproduktion im Überfluss finden. Der kleine Bummelzug, die Ferien bei Tante Erna, das verträumte Rottleben mit dem Kellersee und der abergläubischen Bäckersfrau, der Enkel des Bürgermeisters, der den anderen zeigt, wie gut man angeln kann und nicht zuletzt die gute alte Lene, die Hanni und Nanni bei ihrer ersten Begegnung erst einmal in den Arm nimmt ... das alles war und ist immer noch so unglaublich echt. Ich scheue mich, in diesem Zusammenhang das Wort "authentisch" zu benutzen, denn es ist viel zu technisch, viel zu kalt für die Stimmung dieser knapp 40 Minuten aus einer Welt, in der Handys, GPS-Ortung und Burn Out keinen Platz haben. Ja, es war nicht einmal zu befürchten, dass zwischen dem letzten Besuch der Zwillinge und den jetzigen Ferien aus Tante Erna plötzlich Onkel Erna geworden war.

Natürlich ist diese Sicht von Sentimentalität geprägt, und das nicht zu knapp, denn auch im Entstehungsjahr dieser Produktion, 1974, war Rottleben nicht gerade ein Spiegel seiner Zeit: Der aufkeimende politische Terrorismus erreicht nicht die Amtsstuben des Bürgermeisters, die Ölkrise verhindert nicht den Einsatz des Schienenbusses, trotz des schleichenden Endes des deutschen Wirtschaftswunders kann Tante Erna neben Hanni und Nanni auch noch deren Freunde einladen, Schloss Harringer bietet kein Obdach für die stark wachsende Anzahl von Drogenabhängigen und die Umwelt ist so intakt, dass im Kellersee als Fremdkörper lediglich ein altes Plastikkrokodil schwimmt. Rottleben war, da muss man ehrlich sein, auch damals bereits eine Scheinwelt.

Nur: Es gab sie wenigstens. Heute überbieten sich die großen Hörspielserien in Horror und Splatter. Schmatzen, Knacken, Knirschen und Schreie können gar nicht realistisch und laut genug aus den Boxen kommen, und wenn es nicht grad das Betthäschen des Helden erwischt, wird der Tod eines Menschen meist nur durch zynische Bemerkungen begleitet. Klar, auch Grusel und Spannung darf es geben und sind nicht per se abzulehnen. Aber die Atmosphäre, die Glaubhaftigkeit der handelnden Personen, die kleinen, jedoch nicht minder eindringlichen Momente sind ein wenig ins Hintertreffen geraten.

Ich bin sehr dankbar für diese sentimentale Brücke in die Kindheit, die ihre Wirkung bis heute nicht verloren hat. Ich bin dankbar, gerade weil sie immer noch funktioniert. Kann dies Folge 127 einer x-beliebigen Serie aus unserem Jahrzehnt auch bieten? Diese Frage können wohl nur diejenigen Hörspielfreunde beantworten, welche die aktuellen Produktionen dereinst zu ihren Kindheitserlebnissen zählen werden. Und ich wünsche ihnen das gleiche Gefühl, das ich habe, wenn »drei rote Triebwagen« in Rottleben eintreffen und Tante Erna winkend auf dem Bahnsteig wartet.

Höchstpunktzahl. Danke.





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