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E 2017 |
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| 1. Kommentar von Christoph |
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Ein Hörspiel lebt von seinen Sprechern. »Welch großartige Erkenntnis«, wird sich so mancher jetzt sagen. Und doch ist es so beziehungsweise (muss man leider fast sagen) war es so, dass die großartigen Hörspiele von damals (in diesem Fall aus dem Jahr 1972) nur wirklich großartig werden konnten, weil es damals Sprecher/innen gab, die mit Herzblut an die Sache herangingen und dem Tonträger im wahrsten Sinne des Wortes Leben einflößten. Zieht man die heutigen Hörspiele heran, dann bemerkt man sehr oft, dass dies nicht mehr so ist. Sicherlich werden oft große beziehungsweise bekannte Namen bevorschusslorbeert, jedoch fragt man sich im Nachhinein oft, warum man nicht auf "wirkliche" (vielleicht unbekanntere) Hörspielsprecher zurückgegriffen hat, anstatt auf die Werbewirksamkeit etablierter Namen zu setzen. Vielleicht übertreibe ich ein wenig, jedoch finde ich es schon wichtig, dass man bei einem Hörspiel zweifelsfrei erfassen kann, ob da gerade der "böse Wolf" oder das "Rotkäppchen" etwas von sich gegeben hat. Mal ehrlich, von einem Hörspiel, bei dem man darauf setzen muss, dass einem am Ende der Erzähler verrät, ob nun "Chefinspektor Jenkins" oder doch der "Frauenmörder Jake" das tödliche Finale überlebt hat, wird schon drei Wochen später niemand mehr sprechen - schon gar nicht Jahrzehnte später. Wie dem auch sei, dieses Problem scheint es damals noch nicht gegeben zu haben. Somit wurde schon per se garantiert, dass man da ein Hörspiel an den Mann (die Frau) bringt, welches zumindest Wirkung erzeugt und / oder einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Wenn ein Hörspiel zudem noch auf einer solch genialen Romanvorlage basiert - Herman Melville schrieb sein Werk »Moby Dick (The Whale)« im Jahre 1851 - ist ein entsprechender Erfolg wohl schon fast eine Selbstverständlichkeit. Bekannt und hochgelobt ist unterdessen auch die fantastische Verfilmung von John Huston aus dem Jahr 1956, in dem Gregory Peck (welchen man aus damaliger Sicht eher für eine Fehlbesetzung hielt, gab er doch zumeist den charmanten und unwiderstehlichen Gentleman) den charismatischen, wenn auch diabolischen Kapitän Ahab gab. Und Hand aufs Herz (und ich kenne den Film beinahe auswendig): Wenn Kapitän Ahab im Film mit wutverzerrtem Gesicht seinen wohl "göttlichen" Feind Moby Dick den Tod ansagt und ihm die schlimmsten Worte entgegenschreit, höre ich eigentlich die Stimme von Benno Gellenbeck, welcher in diesem Hörspiel dem Kapitän seine Stimme lieh. Ganz nebenbei bemerkt halte ich Benno Gellenbeck für einen der fähigsten und eindrucksvollsten Sprecher, den es je in unseren Breiten gegeben hat - seine markante Stimme - ein Garant für ansprechenden, kurzweiligen Hörspielgenuss auf höchstem Niveau. Worum es im Hörspiel selbst geht, muss man eigentlich nicht erläutern - ich tue es trotzdem: Ismael (im Buch Ishmael), pleite und des Lebens auf dem Lande überdrüssig, will sein Glück auf See versuchen. Dies nicht (wieder) auf einem Handelsschiff, nein, er möchte das harte Leben auf einem Walfänger kennenlernen. So führt ihn sein Weg in die Hafenstadt Nantucket. Dort heuert er als Matrose auf der »Albatros« (im Buch »Pequod«) an - einem Schiff, das unter keinen guten Stern segeln kann, wird es doch von Kapitän Ahab, einen sowohl körperlich als auch seelisch gebrochenem Mann, geführt. Der Kapitän, dem seine finstere Vergangenheit vorauseilt und dessen diabolische Aura schon bald seine komplette Bootsmannschaft infizieren wird, sinnt auf tödliche Rache an Moby Dick, dem weißen Wal, welcher ihm bei der Ausübung seiner Pflicht einst ein Bein abgerissen hatte. Rache ist seine fixe Idee, seine Mission, der er alles andere unterordnet und für die er alles und jeden opfern wird. Dies verheißt auch Elias (ein offenbar Geisteskranker oder auch ein Prophet), der Ismael bereits kurz nach Unterzeichnung der Musterrolle begreiflich machen will, auf welchen "Trip" er und seine künftigen Kameraden gehen werden. Und auch wenn Elias' Worte nicht ohne Wirkung bleiben (weissagt er doch, dass von der Fahrt lediglich einer mit dem Leben davonkommen wird), kann er Ismael nicht von seinem Vorhaben abhalten. Kapitän Ahab sucht, findet und harpuniert den weißen Wal und besiegelt somit sowohl sein eigenes als auch das Schicksal seiner Mannschaft. »Moby Dick« - ein wirklich großartiges Drama, würdig, packend und absolut kurzweilig als Hörspiel umgesetzt, mit tollen Sprechern und einer für damalige Zeiten schon nahezu perfekten Geräuschkulisse (wenn man da an so manch aktuelles Hörspiel denkt, kann man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, dass Technik nicht alles ist, beziehungsweise dass man diese eben auch beherrschen muss). Natürlich 5 Mucks. |
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| 2. Kommentar von Pitichinaccio |
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Obwohl ich dieses Hörspiel sehr früh kannte, war mein Verhältnis zu der Aufnahme lange ein gespaltenes. Es fehlte der übliche Kindheits-Abenteuer-Bonus. Einerseits war mir der Wahnsinn schon bewusst, mit dem Kapitän Ahab seine Rache vollenden wollte und damit alle Übrigen mit ins Verderben zog. Auf der anderen Seite fehlte mir bisweilen doch die Dramatik während der Reise. Ich hatte den entsprechenden Film mit Gregory Peck (USA, 1956) in der Rolle Kapitän Ahabs auch in meiner Kindheit nur in dunkler Erinnerung und war dem Eindruck erlegen, dass dort alles viel aufregender und spektakulärer ablief. Diese Meinung galt es jedoch zu revidieren, als ich mir den Film vor einigen Jahren noch einmal zu Gemüte führte. Himmel, Gregory Peck scheint im dem ganzen Film nur einen einzigen Gesichtsausdruck zu kennen, nämlich denjenigen eines genervten Walfängerkapitäns, der mit seinem Kutter versehentlich zu schnell aus dem Hafenbecken gefahren war und dabei von einer Radarfalle geblitzt wurde. Ärgerlich: ja. Gefährlich oder gar besessen: nein. Eberhard Alexander-Burgh (Hörspielbearbeitung) und Dagmar von Kurmin (Regie) entlocken dem Stoff in meinen Ohren weitaus mehr Dichte und Verzweiflung als der Streifen aus Hollywood. Natürlich ist eine Nähe zu der im Film erzählten Geschichte und den von dort übernommenen Kürzungen nicht zu überhören, aber was will man auch mit einem Roman machen, der auf mehreren hundert Seiten neben einer abenteuerlichen Erzählung noch detailreich die Besonderheiten der Wale und des Walfangs beschreibt? Richtig, man kürzt. Hier und da fallen in dem Hörspiel sicherlich auch ein paar pittoreske Einzelheiten der Schere zum Opfer - so zum Beispiel das ganze Drumherum um die Figur Quiquegs, der sich auf der Reise seinen eigenen Sarg baut, weil er weiß, dass er von der Fahrt nicht zurückkommen wird. Und dieser Sarg ist es dann auch, auf den sich der Erzähler des Romans, Ismael, schließlich retten kann. Aber das Hörspiel punktet hier mit einem unglaublichen Bonus: den Sprechern! Siegmar Schneider, der über Jahrzehnte die deutsche Stimme von James Stewart war, präsentiert einen kernigen Helden, der jedoch nie überzogen daherkommt. Aber auch Archy (Jürgen Lier), der ängstliche Matrose, und Elias (Malte Petzel), der Unheilsbote, der das Misslingen des Unternehmens voraussagt, überzeugen. Sie gehörten zu der "Truppe" um Dagmar von Kurmin, die mit ihrem Weggang bei EUROPA Ende des Jahres 1972 auch ihre Kollegen mitnahm, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen. Eine wirkliche Idealbesetzung stellt jedoch Benno Gellenbeck in Person des bisweilen rasenden Kapitäns Ahab dar. In meinen Ohren übertrifft seine schauspielerische Leistung die Gregory Pecks, indem er die Stimmungen des von blindem Hass getriebenen und deswegen dem Untergang geweihten Menschen sehr viel differenzierter ausleuchtet. Er ist eben nicht immer nur "schlecht gelaunt". Ein kleines Schmankerl liefert wieder ungewollt Professor Beurmann mit seiner Interpretation des Philippinen Fedallah, der mit seinen beiden Einwürfen »Alles klar, Käpt'n!« und »Oh, Käpt'n, oooh!« einen ebenso kurzen wie skurrilen Eindruck hinterlässt. Vom musikalischen Standpunkt gesehen bietet die Produktion kaum Höhepunkte, vielleicht mit ein Grund, warum mir das Hörspiel früher so unspektakulär erschien. Das wehmütige Lied am Ende der Geschichte
»Oho la oho, alle Mann an Deck, empfand ich hingegen eher als komisch. (Auch hier hört man wieder Professor Beurmann singen.) Heute ist es für mich das tragische Resümee einer Parabel, die düstere Vision der Menschen, die um ihr Schicksal wissen ... und diesem nicht entkommen werden. |
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