E 2015





Kommentar von Carl Mai





»Oh, it's wonderful in Kurdistan! Werde Bärentatzen und Schinken heute essen!«

(Sir David Lindsay)




Zum »Orientzyklus« allgemein

Karl Mays Reiseerzählung »Durchs wilde Kurdistan« ist Teil des sechsbändigen Orientzyklus, der in Gänze aus folgenden Bänden besteht:




»Durch die Wüste«
»Durchs wilde Kurdistan«
»Von Bagdad nach Stambul«
»In den Schluchten des Balkan«
»Durch das Land der Skipetaren«
»Der Schut«


Wie die Titel bereits verraten, findet die Handlung der Bände über einen großen geographischen Raum verteilt statt.

Der Orientzyklus erschien zunächst in den Jahren 1881-1888 als fortgesetzte Erzählung in einer Zeitschrift. 1892 wurde er in sechs Einzelbänden in Buchform veröffentlicht. Lediglich das Kapitel »Anhang« im Band »Der Schut«, welches Rihs Tod schildert, ist als Ergänzung eigens für die Buchausgabe verfasst worden. Der Band »Durch die Wüste« hieß zunächst noch »Durch Wüste und Harem«. In diesen sechs Bänden, den ersten Buchausgaben seiner Reiseerzählungen überhaupt, erzielte May einen Höhepunkt seines erzählerischen Könnens, den er später selten wieder erreicht hat. Die Wirkungsgeschichte der sechs Orientbände ist nur vergleichbar mit derjenigen der Winnetou-Trilogie. Ganze Generationen von Kindern und Erwachsenen haben hieraus erstmals Begriffe wie Emir, Effendi, Pascha, Kismet, Bakschisch, Koran, Sure, Dschehennah, Scheich usw. kennengelernt. Durch die Bände sind Kenntnisse von der Lebensart der Beduinen und Nomaden sowie die Vorstellung von der Landschaft des zerklüfteten Balkangebirges vermittelt worden. Der Begriff des "wilden Kurdistan" ist zum geflügelten Wort geworden.

Die äußere Handlung ist may-typisch eine Folge von Gefangennahmen, Befreiungen, Kämpfen, Gerichtsverhandlungen und komischen Einlagen, wobei sich zuerst bruchstückhaft und dann konsequent die Jagd einer Verbrecherbande herauskristallisiert. Einen besonderen Schutz genießt die Hauptfigur Kara Ben Nemsi durch ein Schreiben (Bujuruldu) des Padischah, also des Großherrn des Osmanischen Reiches, welches bis 1922 existierte. Trotz der abenteuerlichen Handlung und der exotischen Schauplätze sind biographische Einflüsse offenbar: Karl May hat die Romanfigur des Halef als seine eigene Anima bezeichnet. Und so ähnelt Halef dem echten May von der Charakteristik und Physis auch viel mehr als die nahezu allwissende und unüberwindbare Heldenfigur des Kara Ben Nemsi. Der Ich-Erzähler, das fiktive Karl-May-Ich beziehungsweise die Figur des Kara Ben Nemsi ("Sohn der Deutschen"), ist derselbe, welcher in den Romanen im Wilden Westen unter dem Namen Old Shatterhand bekannt ist.

Die Hörspielumsetzung des Zyklus bei EUROPA weist eine Eigenheit auf: Es ist an der Sprecherbesetzung, der Gestaltung der Schallplattenhüllen, der Musikauswahl sowie in der Auswahl der Handlungsstränge klar zu erkennen, dass die Aufnahmen »Durch die Wüste«, »Durchs wilde Kurdistan« und »Von Bagdad nach Stambul« in einer Produktionsphase entstanden sind. So belegt die Covergestaltung der ersten drei Hörspiele mit Szenen aus den Bad Segeberger Karl-May-Festspielen, dass diese in einer Marge in die Produktion gegangen sein müssen. Die Cover-Gestaltung lehnte sich an die Optik aller vorangegangenen Karl-May-Hörspiele von EUROPA an und wurde nach den ersten drei Teilen der Orientserie fallen gelassen. Die übrigen drei Bände des Zyklus hat man zu vier Hörspielen umgewandelt: »In den Schluchten des Balkan«, »Durch das Land der Skipetaren«, »Der Schut« und - ebenfalls aus dem Roman »Der Schut« - »Kara Ben Halef«. Die vier letztgenannten LPs erhielten gezeichnete Cover. In den ersten drei Teilen der Serie wird Kara Ben Nemsi von Michael Korrontay gesprochen; danach von Hellmut Lange. Bernd Kreibich blieb durchgehend Halef, und die Rolle des Sir David Lindsay behielt Malte Petzel in allen sieben Hörspielen inne. Generell kann man sagen, dass über die gesamte Vertonung Dagmar von Kurmins die Sprecher Siegmar Schneider, Joachim Rake, Herbert Tiede, Jürgen Lier und Horst Beck in verschiedenen Rollen fast ausnahmslos als Verbrecher fungieren. Die wenigen Frauenrollen innerhalb der sieben Hörspiele wurden alle von Erika Bramslöw, Marga Maasberg, Anette Roland und Dagmar von Kurmin persönlich übernommen.



Zu diesem Hörspiel

Das Hörspiel umfasst aus dem Roman »Durchs wilde Kurdistan« von 20 Kapiteln die Kapitel 4, 7-8 und 14-20.

Die Romanhandlung: Indem es Kara Ben Nemsi mit einer Truppe Dschesidi (Teufelsanbetern) gelingt, sich der Kanonen der anrückenden Truppen des Paschas zu bemächtigen, kann die feindliche Armee ohne viel Blutvergießen zur Aufgabe und der Pascha schließlich auch zum Friedensschluss gezwungen werden. Hochangesehen scheiden die Gefährten von den Teufelsanbetern. (Hier setzt das Hörspiel ein.)

Auf dem Weg nach Amadije treffen sie Sir Lindsay wieder, der sie fortan begleitet. Im kurdischen Spinduri erhält Kara Ben Nemsi vom Malkoegund (Dorfältesten) den Hund Dojan, einen reinrassigen Tasi, geschenkt. Beim Mütesselim (Kommandanten) der Festung Amadije gelingt es Kara Ben Nemsi, sich Einfluss zu verschaffen, sodass er diesen bei einem Besuch mit Alkohol betäuben und Amad el Ghandur, den Sohn Mohammed Emins, sowie zwei gefangene Kurden befreien kann. Er gewinnt damit die Freundschaft des Bej von Gumri, also des Anführers der von ihm befreiten Berwari-Kurden. Weiterhin rettet der Effendi in Amadije das Mädchen Schakara, das sich mit Tollkirschen vergiftet hat. Deren Großmutter Marah Durimeh rät ihm aus Dank, sich bei Schwierigkeiten auf seiner Reise auf den Ruh 'i kulyan, den Geist der Höhle, zu berufen.

Der kleine Trupp gelangt nach Gumri. Auf einer Bärenjagd mit dem Bej werden die Gefährten von einer Gruppe von Nestorianern überfallen, können aber entkommen und werden erneut gefangen genommen. Nun erscheint eine kurdische Kriegerschar, um ihren Bej zu befreien. Kara Ben Nemsi verhandelt mit diesen und den Nestorianern, wird aber durch die Leute Nedschir Bejs, des Rais' von Schurd, nochmals in einen Hinterhalt gelockt und gefangen gesetzt. Der Effendi kann bei der alten Wächterin Madana erwirken, dass diese ihn freilässt, sodass er den Ruh 'i kulyan aufsuchen und um Hilfe bitten kann. Dieser entpuppt sich als Marah Durimeh selbst, welche eine aus einem altem Geschlecht stammende Herrscherin ist und nun unerkannt durch die Lande streift. Unter ihrem geheimnisvollen Einfluss werden die Kurden und Nestorianer dazu bewegt, Frieden zu schließen.



Mein Kommentar

Dagmar von Kurmin hat wie im vorhergehenden Hörspiel nur gut die Hälfte des Romanstoffs verwendet. Während sie aber bei »Durch die Wüste« die personenstarke Handlung der Kriegshandlungen zwischen den Araberstämmen ausließ, verdichtete sie hier die Handlung stark auf die Bärenjagd mit dem davor und danach stattfindenden Verfolgungen, Gefangennahmen und Wiederbefreiungen der Helden, sodass diese Aktionen sehr schnell aufeinander folgen und allzu gehäuft erscheinen.

Auf Grund der Handlungsveränderung und Rollenverschiebungen im vorhergehenden Hörspiel »Durch die Wüste« ergeben sich in der Folge auch hier Abweichungen gegenüber der Romanvorlage; wenn auch nicht solch extreme. Dagmar von Kurmin hatte die Figur des Amad el Ghandur bereits in »Durch die Wüste« als Bruder Senitzas auftreten lassen. Er ist weder mit Senitza verwandt, noch taucht er dort in der Romanvorlage auf. Erst im Roman »Durchs wilde Kurdistan«, nämlich bei seiner Befreiung aus der Festung Amadije durch Kara Ben Nemsi, tritt er in Erscheinung.

Analog zur Buchvorlage bleiben die beiden Haddedihn Mohammed Emin und sein Sohn Amad el Ghandur auch hier im Hörspiel Randfiguren, die, fern von ihren Weidegründen, lediglich Funktionen für die äußere Handlung haben, aber als Charaktere blass erscheinen. Amad el Ghandur ist im Hörspiel nur kurz zu hören, während sein Vater Mohammed Emin überhaupt keine Sprecherrolle innehat. Auch die Figur Halefs geht hier - anders als in der Buchvorlage - fast unter.

Michael Korrontay, der nur unter der kurzen Regiezeit Dagmar von Kurmins bei EUROPA zu hören ist, mag für manche Hörer nicht der geeignete Sprecher für die Rolle des Kara Ben Nemsi gewesen sein. Ein Vorteil war aber in jedem Fall, dass seine Stimme noch völlig unbekannt und damit "unbelastet" war. Die Rolle des Old Shatterhand/Kara Ben Nemsi war zuvor von Michael Poelchau, Claus Wilcke und Peter von Schultz gesprochen worden. Wer die Orientbände gelesen hat, wird gerade auf Grund der Szenen, in denen Kara Ben Nemsi als Quasi-Arzt fungiert, tiefgründig-theologische Debatten mit Halef und anderen führt usw. die Stimme Korrontays als auf ihre Weise passend anerkennen.

Sir David Lindsay taucht im Hörspiel »Durchs wilde Kurdistan« (in Spinduri) ebenso überraschend wieder auf, wie er am Ende des Hörspiels »Durch die Wüste« kennen gelernt und wieder zurückgelassen worden war. Seine Rolle zieht sich jedoch im vorliegenden Hörspiel prominent durch die Handlung. Die Szene der Bärenjagd ist unterhaltsam, und Malte Petzel beweist, dass er die richtige Besetzung des kauzigen Lords ist. Auflockernd wirkt die komische Szene, in der Siegmar Schneider grandios den betrunkenen Mütesselim von Amadije mimt. Der Mütesselim fragt den Effendi gähnend, ob dieser müde sei. Der Effendi antwortet: »Ein wenig.«, worauf der Mütesselim entgegnet: Aha, darum gähnst du so!«

Die Figur der Marah Durimeh fungiert im Roman wie im Hörspiel als eine Art "Gute-Fee-Märchenlösung". Sie kommt aus dem Nichts und stiftet zuletzt Frieden zwischen den Völkern. Im Hörspiel kommt hinzu, dass Kara Ben Nemsi die Identität des Ruh 'i kulyan ohne vorherige Andeutung und ohne Hinweis für den Zuhörer als diejenige Marah Durimehs auflöst. Dennoch ist die Atmosphäre vor dem Betreten der Höhle und dann in ihrem Inneren stimmig. Die drei weiblichen Rollen, die diese Szene beinhalten (Anette Roland als Marah Durimeh, Dagmar von Kurmin als Ingdscha und Marga Maasberg als Madana) sind dabei jede auf ihre Art auch bei leider nur kurzen Texteinlagen gelungen besetzt.

Im Hörspiel gibt Kara Ben Nemsi, nachdem er das Amulett von Marah Durimeh erhalten hat, einen Hinweis darauf, dass die Handlung fortgesetzt wird. Der Text der LP-Hüllenrückseite lautet dann auch: »Von diesen Abenteuern wird im dritten Teil ihrer Reise "Von Bagdad nach Stambul" berichtet.«

An der Musikauswahl und den orienttypischen Geräuschen lässt sich leicht erkennen, dass EUROPA für diesen Handlungsraum keine allzu üppigen Konserven im Archiv hatte. Da man sich bei EUROPA in der Regel von Musikschallplatten aus dem eigenen Hause (somerset / EUROPA) bediente und hier kein entsprechendes Material vorlag, fiel die Untermalung für den orientalischen Teil der Reise dürftig aus. Bei der Anfangsmusik handelt es sich um dieselbe Musik, die am Schluss des Vorgängerhörspiels »Durch die Wüste« zu schnell abgespielt zu hören ist. In korrektem Tempo hört man nun neben der Musik auch ein galoppierendes Pferd sowie Schreie. Möglicherweise handelt es sich um die Tonaufnahme eines orientalischen oder kaukasischen Reiter- beziehungsweise Kampfspiels mit entsprechender Musikuntermalung, welches aus einer Filmaufnahme stammen könnte.

Kuriosa: Im Hörspiel wird die Bezeichnung des Malkoegund (Dorfvorsteher/Dorfältester) konsequent als »Mölkegund« artikuliert.

Auf dem Foto des Plattencovers ist in der linken oberen Ecke des Fotos recht undezent ein erheblicher Teil wegretuschiert und durch ein allzu blaues Stück Himmel ersetzt worden. Hier war wohl ursprünglich etwas auf dem Foto zu sehen, was nicht zur Festspielbühne gehörte.





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