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E 288 |
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| 1. Kommentar von Pitichinaccio |
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Die Erzählung »Oliver Twist« von Charles Dickens (1812-1870) wurde in der Zeit von 1837 bis 1839 als Fortsetzungsgeschichte in einer englischen Zeitschrift abgedruckt, bevor sie als Buch erschien. Neben dem Schicksal der erfundenen Figur Olivers zeigt der Autor ausführlich die damaligen Missstände in der Gesellschaft auf und prangert Armut, Kinderarbeit, Vorurteile und Ungerechtigkeit an. Das englische Armengesetz, welches die Unterstützung der Bedürftigen regelte, wurde nach Erscheinen des Buches überarbeitet und verbessert. Die Hörspielbearbeitung dieses Romans besorgte Ingeburg Kanstein (1939-2004), ihres Zeichens Schauspielerin und Schriftstellerin, aus deren Feder ebenfalls engagierte Jugendbücher stammen. Vielleicht gelingt es ihr deshalb so gut, Dickens' Roman, der je nach Drucklegung einige hundert Seiten stark ist, zu einer atmosphärischen und logischen Hörspielfassung umzuarbeiten, in der notgedrungen die gesellschaftskritischen Ansätze etwas in den Hintergrund treten müssen und die sich stattdessen auf die kriminalgeschichtlichen Aspekte konzentriert. Gleichwohl lässt auch diese Version noch erkennen, unter welch menschenunwürdigen Bedingungen die Armen seinerzeit ihr Leben fristen mussten: Hunger, Krankheit und Tod sind im Milieu allgegenwärtig und trennen diese Bevölkerungsschicht gleich einer anderen Welt unverrückbar von der wohlhabenden Klasse. Selbstverständlich musste daneben aber auch die Handlung konzentriert werden. So verzichtet die Hörspielbearbeitung auf einzelne Handlungsstränge und Personen oder gibt Ereignisse nur in gekürzter Form wieder. Als Beispiel mag hier der stark geraffte Leidensweg Olivers dienen, bis der Junge auf Mr. Brownslow (im Roman: Mr. Brownlow) trifft. Aber auch manches Schicksal anderer Personen bleibt im Hörspiel offen. So wird beispielsweise im Buch Nancys Treffen mit Mr. Brownlow beobachtet und Fagin über ihren Verrat berichtet. Ihr Lebensgefährte Bill Sikes erschlägt sie daraufhin und findet auf der Flucht selbst den Tod. Der schließlich enttarnte Fagin wird verurteilt und gehenkt. Das alles bleibt hier unerwähnt, vielleicht auch in Hinblick auf das junge Zielpublikum. Doch auch ohne diese Handlungsfäden bleibt die Hörspielfassung in sich stimmig und spannend.
Der größte Pluspunkt dieser Produktion liegt jedoch bei dem hervorragenden Sprecherensemble. Oliver Röhrichts Leistung
fällt zwar im Vergleich zu den übrigen Sprechern deutlich ab, aber dies ist bei Namen wie Werner Hinz, Hans Paetsch,
Katharina Brauren, Reinhilt Schneider und anderen auch nachvollziehbar und verzeihlich. Bisweilen merkt man Oliver
Röhricht, der über sein Verwandtschaftsverhältnis zu Konrad Halver zu dieser Rolle kam, die fehlende Professionalität
an. Andererseits, und das tut dem Hörspiel gut, gerät die Rolle des Oliver dank seines Namensvetters nie in die Gefahr,
sentimental zu klingen. Neben ihm präsentiert Werner Hinz souverän einen klugen und großmütigen Ihnen zur Seite steht das zuverlässige und versierte EUROPA-Personal jener Zeit, und so weben Ingeborg Kallweit, Horst Beck, Heike Kintzel, Rudolf Fenner, Reinhilt Schneider, Katharina Brauren und Claus Wagener ein dichtes und überzeugendes Netz aus kleinen und großen Nebenrollen um die Protagonisten herum. Sehr hörenswert zeigt sich auch Sabine Titze (Nancy) in ihrer einzigen Rolle unter dem EUROPA-Label. Besondere Erwähnung finden soll Michael Poelchau, der in der Rolle des Edward Leeford (im Roman: Edwin Leeford) eine kleine Bravourleistung abliefert. Sonst eher auf die Heldenrollen abonniert (Old Shatterhand in »Winnetou«, Robin Hood in »Ivanhoe« und Jonathan Harker in »Dracula - Jagd der Vampire«), präsentiert Poelchau hier glaubwürdig einen zunächst ver-schlagenen und schließlich ge-schlagenen Schurken. Der Hut sei ebenfalls gezogen vor Konrad Halver (1944-2012), dessen gutes Gespür bei der Besetzung der Rollen die Voraussetzung für diese runde Ensembleleistung bildet. Er selbst ist in zwei winzigen Rollen (ein Waisenjunge, ein Junge in Fagins Bande während der Prügelei) und einer Nebenrolle (Henry Maylie) zu hören. Hinzu kommt Halvers Musikauswahl, die sich (sehr wahrscheinlich) ausschließlich auf Hörspielmusik aus der Feder von Chris J. Evans beschränkt und sich im Laufe des Hörspiels von düsteren Klängen über dramatische Stücke bis hin zu versöhnlichen Tönen entwickelt. Sowohl die Musik an sich, wie auch deren Einsätze sind überaus gelungen und runden die hervorragende Sprecherleistung angemessen ab. Fazit: Mit dieser LP hält man eine kleine Hörspielperle des EUROPA-Sortiments in den Händen, die deutlich mehr wert ist als ihr damaliger Verkaufspreis von fünf Mark vermuten lässt. |
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| 2. Kommentar von Werner |
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Es ist schon grausam, wie das Hörspiel anfängt. Hungernde Kinder in einem Armenhaus bekommen eine schlechte Wassersuppe zu essen und werden sofort grausam verprügelt, wenn sie mal zaghaft aufbegehren. Das Leben der Menschen am untersten Rand der Gesellschaft war im frühen 19. Jahrhundert sehr hart, nicht nur in England. Der Schriftsteller Charles Dickens (1809-1870) hat den Roman »Oliver Twist« in den Jahren 1837-1839 in einer Zeitschrift kapitelweise veröffentlicht und damit versucht, die britische Gesellschaft aufzurütteln und auf das Los der Ärmsten der Armen aufmerksam zu machen. Er selbst wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf, sein Vater war auch wegen seiner Schulden im Gefängnis, und die Verhältnisse dort haben Dickens, der das als Kind ja mitbekam, sehr geprägt. Menschliches Elend und bittere Armut finden sich in den meisten seiner vielen Romane wieder. »Oliver Twist« ist der zweite Roman von Dickens, er erschien kurz nach den sehr heiteren »Pickwick Papers«, die sich großer Beliebtheit erfreuten, sodass Dickens schon ein sehr bekannter Dichter war, als er sich für die Armen stark machte. Das Buch gilt für viele als der erste Roman, der ein Kind zum Titelhelden machte, das möchte ich allerdings doch etwas bezweifeln. Zum Inhalt: Im Armenhaus einer nicht genannten kleinen englischen Stadt stirbt eine junge Frau bei der Geburt eines Kindes, das den Namen »Oliver Twist« bekommt. Der Junge wächst unter schweren Lebensbedingungen im Waisenhaus auf. Als er einmal um etwas mehr Essen bittet, wird er verprügelt und bei einem Sargtischler in die Lehre geschickt. Als er sich gegen beleidigende Worte über seine Mutter zur Wehr setzt, soll er ins Armenhaus zurück, flieht aber vorher nach London. Dort trifft er einen jungen Taschendieb namens Jack Dawkins, der ihn zu dem Banditenchef Fagin bringt. Oliver soll ebenfalls zum Dieb erzogen werden, versagt aber bei seinem ersten Diebstahl und wird zu Unrecht dennoch der Tat beschuldigt. Der angeblich von Oliver bestohlene Mr. Brownslow nimmt ihn aus Mitleid in sein Haus auf. Ihm fällt die Ähnlichkeit zwischen Oliver und einer jungen Frau auf, deren Bild in Mr. Brownslows Haus hängt. Bevor er Olivers Herkunft jedoch erforschen kann, wird der Junge wieder von den Banditen entführt. Gemeinsam mit dem brutalen Bill Sikes soll er nachts in ein vornehmes Haus einbrechen, aber auch das misslingt. Die Banditen werden vertrieben, Oliver wird jedoch schwer verletzt. Die gütige Hausbesitzerin Mrs. Maylie und ihre Pflegetochter Rosa nehmen Oliver auf und wollen ihm eine bessere Zukunft bieten. Das jedoch versucht der Bandit Monks zu verhindern, der Oliver sogar töten will, ist er doch schließlich sein Halbbruder und weiß, dass der Junge Erbe eines großen Vermögens ist. Das hat inzwischen auch Mr. Brownslow herausgefunden, er entlarvt Monks und verhilft Oliver zu seinem Recht. Die bösen Armenhausleiter werden bestraft, auch die Banditen entgehen ihrem Schicksal nicht: Fagin wird hingerichtet und Sikes stürzt von einem Hausdach in den Tod. Besonders tragisch ist das Schicksal des Banditenmädchens Nancy: Sie versucht, Oliver zu helfen und gibt seinen Freunden die wichtigsten Informationen über Monks. Dafür wird sie von Bill Sikes grausam ermordet. Ich besitze eine circa 550 Seiten lange Ausgabe, die sich auf den ersten 300 Seiten sehr ausführlich mit der Figur Olivers, seinem Leben im Waisenhaus und in den Händen der Banditen beschäftigt. Bis dahin ist der Roman - bis auf eine kurze Verschnaufpause im Hause Mr. Brownslows - sehr düster und auch für heutige Zeit noch sehr grausam. Dann kommt Rosa Maylie ins Spiel, und es wird etwas milder. Man muss allerdings sagen, dass die Teile des Romans, die im Banditenmilieu spielen, deutlich besser gelungen sind als die Szenen im bürgerlichen Umfeld - hier wird Dickens denn doch etwas melodramatisch. Fagin, Nancy, Sikes und die Armenhausverwalter sind deutlich besser gelungenere Figuren als Mr. Brownslow und Rosa. Auch die Figur Olivers wirkt nicht wirklich überzeugend, er kommt einfach zu glatt und zu edel durch die ganzen schlimmen Ereignisse, die er erleben muss. Es ist auch dem Geschmack der Entstehungszeit des Romans geschuldet, dass Oliver sich am Ende als ein Kind aus besserer Gesellschaft entpuppt und Erbe eines großen Vermögens wird, das ihm sein böser Halbbruder um jeden Preis abnehmen will. Das Happy End für Oliver wirkt schon aufgesetzt und unglaubwürdig, in anderen Romanen hat Dickens solche Zugeständnisse ans Publikum nicht mehr gemacht. Einmal lässt er einen Straßenjungen elendig zugrunde gehen, ein anderes Mal stirbt eine alte kranke Frau lieber auf der Landstraße als einen Fuß ins Armenhaus zu setzen, wo sie noch größeres Leid erwarten würde. Das Hörspiel gliedert sich deutlich erkennbar in zwei Teile. Auf der ersten Seite werden Olivers Leben im Armenhaus, die Flucht nach London, die Ereignisse bei Fagin, die Rettung durch Mr. Brownslow, die Entführung und der Überfall auf das Haus der Maylies beschrieben. Die zweite Seite beschäftigt sich mit der Aufklärung von Olivers Herkunft, die denn in langen Gesprächen am Tisch von Mrs. Maylie erörtert wird. Olivers Rolle wird dabei immer kleiner, auf der ersten Seite ist er die Hauptfigur, auf der zweiten Seite spricht er nur noch einen Satz. Ich muss sagen, dass mir die erste Seite deutlich besser gefallen hat. Die zweite Seite zieht sich, hat aber noch zwei starke Szenen: Die Begegnung zwischen dem Straßenmädchen Nancy und der eleganten Rosa (Sabine Titze als Nancy und Reinhilt Schneider als Rosa bilden da einen großartigen Kontrast) und die Figur des bösen Bruders Monks (von Michael Poelchau herrlich böse gesprochen, Old Shatterhand kann also auch anders). Da es sich ja um ein Kinderhörspiel handelt, fällt das grausame Schicksal der Banditen am Schluss des Romans weg (Nancy deutet nur kurz an, was ihr passiert, wenn ihr Verrat auffliegt). Die bösen Sprecher gefallen mir alle gut, vor allem Ingeborg Kallweit als fiese Waisenhausleiterin und Rudolf Fenner, der einem mit nur zwei Sätzen (»Furcht einjagen? Daran soll es nicht fehlen!«) das kalte Grauen spüren lässt. Horst Beck als Fagin ist großartig, aber einen schönen Kontrast zu Oliver bietet vor allem Ingo Eckert als Banditenjunge Jack Dawkins. Konrad Halver macht aus dem (im Buch grundsympathischen) Henry Maylie einen misstrauischen Quengler, er wollte sicher auch mal gern böse sein. Auf der Seite der Guten ist natürlich an erster Stelle Werner Hinz als Mr. Brownslow zu nennen, ein gütiger alter Herr, der aber auch mal energisch werden kann. Natürlich macht er das sehr gut. Katharina Brauren wird ein bisschen arg von der Regie in die Rolle der tüddeligen Omi gedrängt, sie kann das, aber auf Dauer ist es schon etwas nervig (in einer anderen Hörspielfassung spricht sie die Waisenhausleiterin und kann einen wirklich das Fürchten lehren). Oliver Röhricht als Oliver hat es schwer als Kinderdarsteller unter solchen Vollprofis, aber das verzweifelte und unglückliche Kind gelingt ihm insgesamt ganz passabel. Hans Paetsch als Erzähler ist natürlich ohne jeden Tadel (wer von ihm "mehr" Oliver Twist haben möchte, sollte sich mal das von ihm gesprochene vollständige Hörbuch zu Gemüte führen, das macht er phantastisch). Das Hörspiel ist stark "entbrutalisiert" und stellt die Suche nach Olivers wahrer Herkunft stark in den Mittelpunkt. Für junge Hörer zum Kennenlernen der Geschichte eine sehr schöne Fassung mit vielen tollen Sprecherinnen und Sprechern, fünf Mucks sind da richtig. |
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