E 282




Kommentar von Pitichinaccio




Schneeweißchen und Rosenrot


Zwei Teenagerinnen leben bei ihrer Mutter. Nachdem sie einem Zwerg immer und immer wieder den Bart kürzer geschnitten haben, heiratet die eine einen Braunbären und die andere einen Adler. Als man auf das Schloss der beiden Brüder umzieht, bekommt Muttern dort ein Einzelzimmer mit Gartenblick.



Im Ernst: Bei dem Märchen »Schneeweißchen und Rosenrot« handelt es sich durchaus um ein schönes Märchen der Gebrüder Grimm, das von Konrad Halver einfühlsam umgesetzt wurde und bei dem auch die beteiligten Sprecher - allen voran Volker Bogdan als bösartiger Zwerg - klug besetzt wurden. Die Kürze des Kommentars zum Märchen der ersten Seite ist allein dem Umstand geschuldet, dass die zweite Seite eines der schönsten Märchen des EUROPA-Kataloges birgt, nämlich







»Der Garten aber erstreckte sich so weit, dass selbst der Gärtner das Ende nicht kannte.«

(Erzähler)




Das Märchen, das aus der Feder Hans Christian Andersens stammt und wie die meisten seiner Geschichten von großer Emotionalität und Weisheit geprägt ist, kann neben den bekannteren Geschichten wie »Die kleine Seejungfrau«, »Des Kaisers neue Kleider« oder »Der Schweinehirt« ohne Weiteres bestehen.



Im Garten des Kaisers von China lebt eine Nachtigall, deren Gesang so schön ist, dass der Kaiser sie schließlich bittet, im Palast für ihn zu singen. Ihr Gesang rührt den Herrscher zu Tränen und auf seine Frage hin ist die Nachtigall bereit, künftig im Palast des Kaisers zu wohnen.

Ein Spielmeister schenkt nun dem Kaiser eine mechanische Nachtigall, die dem echten Vogel in allem gleicht und die durch Aufziehen immer auf Wunsch ihr Lied vorträgt. Als der Kaiser und sein Hofstaat diesem künstlichen Vogel verfallen, verlässt die echte Nachtigall in einem unbeobachteten Moment den kaiserlichen Palast. Da man ja nun die mechanische Nachtigall hat, schenkt man dem Verlust weiter keine Beachtung. Nur das Küchenmädchen, das seinerzeit die Nachtigall im Garten zu finden wusste, sagt:

»Es klingt wohl hübsch, was sie singt.
Die Melodie ist auch so ähnlich, aber ...
es fehlt etwas ... ich weiß nicht, was.«

Der Spielmeister, der inzwischen zum »Oberhofnachtigallbringer« aufgestiegen ist, sorgt deshalb dafür, dass das Küchenmädchen davongejagt und es der echten Nachtigall bei Todesstrafe verboten wird, das Reich des Kaisers noch einmal zu betreten. Nach einiger Zeit nun ist die mechanische Nachtigall durch den andauernden Gebrauch so abgenutzt, dass der Spielmeister erklärt, sie dürfe nur noch einmal im Jahr aufgezogen werden.

Erst als der Kaiser schwer erkrankt und schon den Tod auf seiner Brust sitzen sieht, wird ihm klar, wie falsch seine Entscheidung war, die echte Nachtigall für das mechanische Spielzeug aufzugeben. Verzweifelt ruft er nach der Nachtigall, die tatsächlich zu ihm kommt und für ihn singt.

»Und als der kleine Vogel anfing, vom
Friedhof zu singen, wo die weißen
Rosen auf tränenfeuchten Beeten wachsen,
bekam der Tod Sehnsucht nach seinem
Garten und schwebte wie ein kalter
weißer Nebel aus dem Fenster.«

Der Kaiser kommt also dann wieder zu Kräften und fragt die Nachtigall, wie er sie belohnen könne und ob sie nun wieder im Palast bleiben möge, aber der kleine Vogel lehnt beides ab. Sie habe die Tränen in den Augen des Kaisers gesehen, als sie für ihn sang, und dies sei ihr Belohnung genug. Wohl aber werde sie gern zum Kaiser kommen, wenn sie selbst den Wunsch verspüre:

»Weißt Du, Kaiser, ich liebe
dein Herz mehr als deine Krone.«

Dann fliegt die Nachtigall davon, und als die Diener am nächsten Morgen zu ihrem totgeglaubten Herrscher kommen, begrüßt dieser sie mit einem »Guten Morgen!«.



Zu dem ebenso melancholischen wie schönen Märchen gesellt sich eine Truppe, wie sie passender nicht hätte sein können: Hans Paetsch liefert hier wieder einmal eines seiner Bravourstücke ab und erzählt mit solcher Empathie, wie wohl kaum ein anderer Schauspieler es je zu leisten im Stande wäre. Die Titelrolle übernimmt Herma Koehn mit einer wunderbar zerbrechlichen Stimme, einer Nachtigall angemessen.

In der Rolle des Kaisers brilliert Werner Hinz, sowohl in den herrschaftlichen Momenten, wie auch in der Szene, in der der Kaiser im Sterben liegt. Horst Beck legt seinen Haushofmeister der Vorlage entsprechend wie einen etwas dummen, selbstverliebten, alten Chinesen an und man meint förmlich, ihn in seiner goldenen Hoftracht und mit einem langen Oberlippenbart vor sich zu sehen, die Arme vor dem Bauch verschränkt und die Hände in den Ärmeln verborgen.

Auch der verschlagene Spielmeister ist mit der Stimme von Marco Fehrs gut besetzt. Ich muss aber gestehen, dass der kurze Auftritt des Küchenmädchens (Reinhilt Schneider), für mich einer der Höhepunkte der Aufnahme ist, denn das Küchenmädchen ist die einzige Person, welche den Wert der lebendigen Nachtigall von vorn herein erkennt. Ach, Reinhilt, wie dankbar bin ich, dass mich deine Stimme durch meine Kindheit begleiten durfte!

Sehr dezent und klug sind auch die Musikeinsätze gewählt, die sämtlich aus Peter Tschaikowskys wohl authentischstem Ballett »Dornröschen« stammen.



Es ist wohl überflüssig, die Botschaft dieses Märchens hier ausführlich darzulegen oder gar zu erläutern. Und doch sind mir einige wenige Worte wichtig:

Gerade in unserer Zeit ist dieses Märchen für mich aktueller denn je, und in meinen Augen sollten wir uns alle prüfen, wieviel Zeit wir unseren künstlichen Nachtigallen mit all ihren Apps widmen, während um uns herum das Leben stattfindet ... und verstreicht.





Bewertung: