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E 248 |
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| Kommentar von Pitichinaccio |
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Die zahllosen Legenden und Zuschreibungen, die sich um die Gestalt des angeblichen Freibeuters Klaus Störtebeker ranken, werden vielleicht nie vollständig enttarnt oder bestätigt werden. In wirklich allen Bereichen haben sich mehr und mehr die scheinbaren Tatsachen als falsch erwiesen - bis hin zu dem Totenschädel, der jahrzehntelang den Besuchern des Museums für Hamburgische Geschichte als das Haupt des Seeräuberkapitäns präsentiert wurde. Im Jahr 1969 nun nahm sich der frischgebackene Regisseur Konrad Halver des Stoffes an, nachdem kurz zuvor seine Hörspielfassungen »Biblische Geschichten«, »Der Schatz im Silbersee« und »Rübezahl - Eine Sage aus dem Riesengebirge« markige Eckpunkte im Hörspielprogramm mit dem EUROPA-Label hinterlassen hatten. Die Hörspielbearbeitung an sich ist solide, fällt aber in meinen Ohren hinter den eben genannten Produktionen zurück. Die Erzählertexte kommen zu belehrend und faktenverliebt daher und bremsen den Handlungsverlauf dadurch ein wenig aus. Im Gegensatz dazu gibt es immer wieder Kampfszenen, in denen - während man sich Köpfe einschlägt - trotzdem noch ausreichend Zeit ist, heldische Botschaften in die fechtende Meute zu schreien. Vor allem das Ende der Geschichte kommt sehr schnell daher, denn immerhin rankt sich um Störtebekers Hinrichtung die Legende, dass er nach erfolgter Enthauptung noch an einigen seiner Kameraden vorbeigelaufen sein soll und diesen dann das Leben geschenkt wurde. Hier jedoch reichen Halver ein paar erklärende Zeilen des Erzählers aus, um das Hörspiel nach knapp 45 Minuten zu beenden. 1969 war das Jahr der ersten Starbesetzung im Bereich der EUROPA-Hörspiele. Hatte man bisher auf Lokalmatadore der Hamburger Bühnen zurückgegriffen, so engagierte man hier nun Schauspieler aus Film & Fernsehen, darunter Hellmut Lange, der im gleichen Jahr die Hauptrolle im »Lederstrumpf«-Vierteiler übernahm, sowie Claus Wilcke, der ebenfalls 1969 mit der Serie »Percy Stuart« Erfolge feierte. Ihnen zur Seite standen Ingrid Andree, Michael Hinz, Gisela Trowe und Hans Clarin. Dem versierten Hörer wird bei der Nennung der Namen auffallen, dass mit diesem Ensemble auch die Produktionen »Ivanhoe«, »Raumschiff UX3 antwortet nicht«, »Hui Buh das Schlossgespenst«, der Zweiteiler »Old Surehand«, »Das Vermächtnis des Inka«, »Schauergeschichten« sowie die Märchenschallplatte »Dornröschen« entstanden. Unterstützt wurde die Verpflichtung prominenter Künstler durch kleine Portraitfotos auf dem rückwärtigen Cover - einem Novum in der Miller'schen Hörspielproduktion, welches dem Kaufanreiz dienen sollte. Neben den bekannteren Sprechern wirkten natürlich wieder Stammmitglieder des EUROPA-Ensembles mit. Den großen Namen gerecht werdend erhielten diese Mitwirkenden auch die Hauptrollen der jeweiligen Hörspiele. Vorliegend schlüpfte somit Claus Wilcke in die Rolle des Piratenkapitäns, die man vorher sicherlich Michael Poelchau oder Konrad Halver selbst anvertraut hätte. Und genau hier liegt auch ein Manko dieses Hörspiels: Claus Wilcke ist viel zu kultiviert, viel zu sehr Womanizer, als dass man ihm zutraut, er würde sich säbelschwingend von Deck zu Deck hangeln. Sein Störtebeker scheint eher mit einer schnittigen Segelyacht in den nordischen Gewässern zu kreuzen. Die übrigen Piraten, so auch Magister Wigbald (Hellmut Lange), fungieren nur als Stichwortgeber und spielen für den Handlungsverlauf keine große Rolle. Keine gute Wahl als Erzähler war auch leider der von mir sonst sehr geschätzte Horst Stark, welcher die ohnehin etwas sperrigen Erzählertexte vorträgt, als lese er die Gebrauchsanweisung eines Taschenrechners vor. Positive Erwähnung verdienen jedoch zwei Künstler, welche dem Hörspiel großartige Momente verleihen. Zum ersten ist dies Hans Paetsch, dessen bäriger, alter Haudegen Gödecke Michels selbst in den kurzen Dialogpassagen durch absolute Präsenz besticht. Sein deprimierendes Fazit »Störtebeker, Gotland ist nicht mehr dein.« mag hier als eindrucksvolles Beispiel dienen. Die zweite virtuelle Verbeugung gilt Gisela Trowe als Königin Margarethe. Der Wechsel in Stimme und Ausdruck von herrschaftlich über taktierend bis hin zu den verführerischen Tönen ist wirklich grandios. Was in meinen Ohren leider überhaupt nicht funktioniert, ist die Musik zur Untermalung und Trennung der Szenen. Man ahnt, dass der voluminöse Klang eines klassischen Orchesters und Tschaikowskys pathetischen Kompositionen dem Abenteuer einen Schuss Dramatik verleihen sollten, aber es kommt nicht zu einem stimmigen Gesamtbild. Das ist schade, denn bei »Rübezahl - Eine Sage aus dem Riesengebirge« entstand eine geniale Symbiose aus Text und Musik. Die Kampfgeräusche und Schreie wiederholen sich permanent in den Massenszenen, wobei dies noch als liebenswerte Eigenart der frühen EUROPA-Jahre durchgehen mag. Fazit: Was also bleibt? Nach meinem Eindruck ein nicht ganz so gelungenes Ostseeabenteuer mit einigen Höhepunkten, aber auch ein paar vermeidbaren Patzern in einem Hörspiel, das ich mir so sehnlich als kleiner Stöpsel gewünscht hatte - und erst gut 20 Jahre später auf meinen Plattenteller legen konnte. Halt! Eine Lanze gilt es doch zu brechen, und zwar für die Covergestaltung. Damit meine ich nicht einmal das Titelbild an sich, sondern die Informationen und deren optische Aufbereitung auf dem rückwärtigen Cover. Auch sie sind ein verloren gegangener Teil der Hörspielplatten-Ära. |
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Appendix: |
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»Und nun: Schleunig ein Zwerg!«
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