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Kommentar von Carl Mai





»Mein Bruder Old Shatterhand mag mit mir kommen.«

(Winnetou)




Zur Buchvorlage

Karl Mays Roman »Winnetou der Rote Gentleman. 1. Band.« erschien in Buchform erstmals 1893. Bis auf die Schilderung eines Greenhorns, die aus der Erzählung »Der Scout« stammte, hatte May den Roman eigens für die Buchausgabe geschrieben. Er war also bis auf die genannte Stelle nicht zuvor als Fortsetzungsroman in Zeitschriften erschienen. Dieser Umstand führte dazu, dass der Band - anders als die zwei Folgebände - eine sehr geschlossene Handlung aufweist. Ab 1904 ließ Karl May den Titel auf das heute noch verwendete »Winnetou. 1. Band.« verkürzen. 1908 erschien eine illustrierte Ausgabe unter dem Titel »Winnetou I«. Diese Titelkurzfassung, die zudem auch regelmäßig auf den Buchrücken Verwendung fand, hat sich umgangssprachlich durchgesetzt.

Der Roman wird aus der Sicht eines Ich-Erzählers geschildert, dessen Name zunächst ungenannt bleibt. Später gibt er als seinen Vornamen »Karl« an. In den ersten drei Kapiteln schildert der Ich-Erzähler, ein gebürtiger Deutscher, wie er auf Grund ungünstiger Verhältnisse in die Vereinigten Staaten von Amerika ausgezogen war, wo er sich zunächst als Hauslehrer in St. Louis verdingt hat. Durch Vermittlung des Büchsenmachers Mr. Henry erhält er eine Stelle als Landvermesser bei einer Eisenbahngesellschaft, die ihn in den Wilden Westen führt. Hier setzt die Handlung des Hörspiels ein.

Da seine Landvermesser-Kollegen faul und trunksüchtig sind, muss Karl den Großteil der Arbeit alleine machen. Doch stehen ihm die Westmänner Sam Hawkens, Dick Stone und Will Parker zur Seite, die als Scouts der Landvermesser angeheuert worden sind. Besonders Sam Hawkens nimmt den jungen Mann unter seine Fittiche und lehrt ihn die Büffel- und Mustangjagd. Als ein Bär in das Lager eindringt, kann Karl - inzwischen Charley genannt - ihn durch Messerstiche töten. Nach einem Faustschlag an die Schläfe des unverschämten Ingenieurs Rattler, welcher dabei bewusstlos zu Boden geht, erhält Charley den Beinamen »Old Shatterhand«.

Intschu-tschuna, der Häuptling der Mescalero-Apatschen, sein Sohn Winnetou und der aus Deutschland stammende Klekih-petra suchen das Camp auf und weisen die Landvermesser darauf hin, dass ihnen der Grund und Boden gehört, auf dem die Vermessung stattfindet. Sie verlangen den Abbruch der Arbeiten. Das wird von den Ingenieuren abgelehnt. So kommt es zu einem tödlichen Zwischenfall: Rattler erschießt Klekih-petra. Häuptling Intschu-tschuna und sein Sohn Winnetou verlassen schweigend das Camp. Da die Weißen einen Rachefeldzug befürchten, verbrüdern sie sich mit den Kiowas, den Feinden der Apatschen. Sam Hawkens' Plan ist, bei einem Überfall der Apatschen und deren Überwältigung Intschu-tschuna und Winnetou zu schützen, um deren Gunst zu erringen.

Der Plan gelingt, doch betrachtet Tangua, der Häuptling der Kiowas, die beiden Apatschenhäuptlinge nun als seine Gefangenen und will sie töten lassen. Daraufhin befreit Old Shatterhand nachts ohne Wissen der anderen Intschu-tschuna und Winnetou. Als die beiden Apatschen später mit ihren Kriegern zurückkehren und die Kiowas und die Weißen überfallen, wird Old Shatterhand im Kampf durch Hals und Zunge gestochen, sodass er lebensgefährlich verletzt ist und die Besinnung verliert. Er wird in der Gefangenschaft von Winnetous Schwester Nscho-tschi gepflegt. Die Kiowas werden freigelassen, während die Weißen zu Tode gemartert werden sollen. Als Old Shatterhand aus seiner Ohnmacht erwacht und nach längerer Zeit unter Anstrengung sprechen kann, stellt er die Darstellung Tanguas in Frage. Daraufhin soll ein Zweikampf auf Leben und Tod zwischen ihm und Intschu-tschuna in Form eines Gottesurteils entscheiden. Old Shatterhand gewinnt mit einer List das Wettschwimmen und schenkt dem Häuptling das Leben.



Mein Kommentar

Das Hörspiel umfasst aus dem Roman »Winnetou I« von 22 Kapiteln die Kapitel 4 bis 14. Die Einleitung entfiel ebenfalls.

Konrad Halver setzte sich mit seinem edel-gebieterischen Sprachduktus in der Rolle des Winnetou ein Denkmal in der Hörspielgeschichte. Die Idee, Winnetous Auftritt grundsätzlich mit einem Ankündigungs- oder Wiedererkennungs-Musikthema zu unterlegen, scheint von den Karl-May-Filmen der 1960er Jahre herzurühren, in denen ähnlich verfahren wurde. Auch Michael Poelchau spielte grandios. Insgesamt legte man bei der Umsetzung des Romans ähnlich wie bei derjenigen von »Der Schatz im Silbersee« den Schwerpunkt auf realistische Handlung. Die Geräuschkulisse, bestehend aus Bärengebrüll, Pferdegewieher, Schusswechseln usw. macht das Ganze sehr authentisch.

Das Hörspiel enthält kaum dialogische Umsetzung, sondern betont Handlung und Action. Daraus resultiert auch die harte und teils brutale Schilderung und Vertonung von Kampfszenen und Todesdarstellungen. Diese nicht gerade kindgerechte Darstellung bildete den krassen Gegensatz zu den weichgespülten Verfilmungen der Karl-May-Romane in den 1960er Jahren. Aber genau das wollten kleine Jungen hören! Und so wurden die »Winnetou«-Hörspiele aus dem Hause EUROPA mit Konrad Halver als Winnetou zu einem gigantischen Verkaufsschlager.

Bei der »Winnetou«-Trilogie handelt es sich um eine Parallelaufnahme zu »Der Schatz im Silbersee«, was an der Rollenverteilung klar zu erkennen ist: Sprach dort Peter Folken den Schurken Cornel Brinkley, so leiht er nun ebenso markant dem Schurken Santer seine Stimme. War im »Silbersee« Josef Dahmen als fieser »Großer Wolf« aufgetreten, so spricht er hier den nicht minder fiesen Häuptling Tangua. Sprach im »Silbersee« Hans König den jungen Indianer »Kleiner Bär«, so ist er hier als junger Indianer Pida zu hören. War im »Silbersee« Horst Beck als kauzige "Tante" Droll zu hören, so glänzt dieser hier als kauziger Sam Hawkens. Dies tut den Qualitäten der einzelnen Sprecher selbstverständlich keinen Abbruch. In der Folge hatte dies bei den Hörern jedoch den Effekt, dass die genannten Charaktere in beiden Hörspielen weniger individuell nachhallten, sondern sich im Gedächtnis des Hörers teils vermischten.

In der ersten Umsetzung eines Karl-May-Stoffs, bei »Der Schatz im Silbersee«, hatte man sich im Hause EUROPA auf Grund der großzügigen Verteilung auf zweimal über 43 Minuten sehr viel Spielraum für die Handlung genommen. Hier ist das umgekehrte Phänomen zu beobachten. Zwar suggeriert die Zählung der Reihe mit zwei LP-Folgen pro Roman, dass wiederum viel Zeit pro Roman bereitgestellt worden sei. Wenn man die Laufzeiten der LP-Seiten betrachtet beziehungsweise summiert, so stellt sich jedoch heraus, dass jeder Teil der Trilogie in nur etwa zweimal 30 Minuten behandelt wird. Wünschenswert wäre gewesen, wenn jedem »Winnetou«-Teil wie beim »Silbersee« zweimal über 40 Minuten zugestanden worden wären. Die 60 Minuten pro Folge waren zu viel, um sie auf eine LP zu pressen, waren aber deutlich zu kurz, um jeweils zwei LPs damit zu befüllen. Zwei der zwölf LP-Seiten sind kaum über 11 Minuten lang.

Das Cover zeigt eine Szene von den Karl-May-Festspielen Bad Segeberg.





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