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E 241 |
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| 1. Kommentar von Carl Mai |
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| Zur Buchvorlage |
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Karl Mays Jugenderzählung »Der Schatz im Silbersee« erschien erstmals 1890/91 als Fortsetzungsroman in einer Zeitschrift. Die erste Buchausgabe stammt von 1894. EUROPA setze den Roman als Hörspiel in zwei Folgen um. Diese zweite Folge setzt von den 15 Kapiteln des Romans unter Auslassung des achten und neunten Kapitels sowie kurzer Nacherzählung des zehnten bis zwölften Kapitels die Kapitel 13 bis 15 um. Lediglich kurz nacherzählt wird damit fast vollständig der Handlungsstrang, in dem der Cornel die Eisenbahnstation Sheridan aufsucht, um dort über den zuvor eingeschleusten falschen Schreiber mit den Tramps einen Geldtransport zu überfallen. Bereits hier treten im Roman Winnetou und Old Shatterhand gemeinsam auf und vereiteln zusammen mit Old Firehand den Überfall. Sie halten den Zug in einem Tunnel, dem Eagle Tail, an, und räuchern die darin befindlichen Tramps aus. Die beschriebenen Ereignisse sind jedoch nicht handlungstragend, sondern stellen lediglich eine weitere Teufelei Brinkleys dar. Der Cornel, der abermals fliehen kann, wird von den Utahs getötet. Die Gefangennahme Old Shatterhands und seiner Gefährten durch die Utahs wird ebenfalls stark verkürzt dargestellt. Shatterhand und die Westleute fliehen und stoßen auf Old Firehand und dessen Begleiter. Vor Erreichen des Silbersees müssen noch weitere Kämpfe mit den wiederholt wortbrüchigen Utahs bestanden werden, wobei die Unterstützung der Timbabatschen und Navajos hilft. Die Utahs, angeführt von »Großer Wolf«, versuchen, über einen alten, unterirdischen Gang vom Ufer zur einzigen Insel im See zu gelangen. Hier soll der sagenumwobene Schatz unter der Insel auf dem Grund des Sees liegen, den »Großer Wolf« heben will. »Großer Bär«, Hüter des Sees und des Schatzes, setzt über einen Mechanismus den Gang unter Wasser, sodass die feindlichen Utahs ertrinken. Old Firehand erhält von »Großer Bär« und vom Timbabatschenhäuptling »Langes Ohr« die Erlaubnis, die Silberader zu erschließen. Der Schatz selbst bleibt ungehoben. |
| Mein Kommentar |
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Der vielleicht populärste Roman Karl Mays diente als Vorlage des ersten und wohl erfolgreichsten der sogenannten Karl-May-Filme, die Anfang der 1960'er Jahre in die deutschen Kinos kamen. Wohl aus demselben Grund wurde der Roman auch bei EUROPA als Auftakt der Karl-May-Hörspiele umgesetzt. Unter der Hörspielbearbeitung und Regie Konrad Halvers, der erst im Jahr zuvor bei EUROPA angeheuert hatte, entstand hier ein Geniestreich, der sich über Jahrzehnte auf Plattentellern, in Cassettenrecordern und zuletzt in CD-Spielern bewähren sollte. Grundsätzlich positiv zu bewerten ist die Idee, den komplexen Roman auf insgesamt zwei Langspielplatten von jeweils über 43 Minuten Spielzeit zu verteilen. Es wäre lohnenswert gewesen, wenn man dieses Arbeitsprinzip für weitere Vertonungen beibehalten hätte. Der Roman ist bis auf wenige, sinnvolle Kürzungen und unter Auslassung einiger Charaktere wie Gunstick Uncle sowie Lord Castlepool geschlossen vertont worden. Auf Grund der Kürzung der Romanvorlage tritt der Cornel, und damit Peter Folken, in der zweiten Folge nicht mehr auf. Stattdessen glänzt hier Josef Dahmen als »Großer Wolf«, Häuptling der Utahs, als fieser Bösewicht. In diesem Hörspiel treten erstmals Konrad Halver als Winnetou und Michael Poelchau als Old Shatterhand auf. Wie in der ersten Folge werden dem Hörer die Grausamkeiten des Wilden Westens und seiner Bewohner nicht erspart. Hans Paetsch berichtet von Marterpfählen, »an denen 20 leblose, grässlich zugerichtete Körper hingen. Es waren die Leichen der Tramps. Am Entsetzlichsten war der Anblick des Cornels. Nackt und verkehrt herum aufgehängt war der Bandit von den Rothäuten so verstümmelt worden, dass man ihn kaum wiedererkannte.« Diese Darstellung findet sich auf zwei Stellen verteilt ebenso bei Karl May. Winnetou tritt einen alten Utah-Häuptling so heftig, dass dieser hintenüberfällt und seine Hirnschale zerschmettert wird. »Langes Ohr« gibt »Großer Wolf« einen Fußtritt ins Gesicht und rammt ihm anschließend die Fackel in beide Augen. Ein Stolperstein ist Winnetous Wendung, man müsse die Feinde »in die Zange nehmen«. Eine Zange wird dem Indianer kaum geläufig gewesen sein, und so hätte er sie nicht sinnbildlich anwenden können. Die auf der LP-Hülle angegebene Verwendung von "Original-Indianermusik und Kriegstänzen" findet hier - im Gegensatz zur ersten Folge - tatsächlich statt. Die Aufnahmen stammen von Dokumentar-LPs, die Konrad Halver nach eigener Aussage seinerzeit im Amerika-Haus in Hamburg ausgeliehen hat. Grandios ist die Idee, das Eintreffen am Silbersee musikalisch mit Passagen aus Dvořáks Symphonie Nr. 9 »Aus der Neuen Welt« zu unterlegen. Die Szene, in der »Großer Bär« den unterirdischen Gang flutet und die Utahs in Panik die Treppe im Turm zu erreichen versuchen, leitet mit bedrohlichen Wassergegurgel und Geräuschen unterirdisch einstürzender Bauten ein spannungsgeladenes Ende ein. Hans Paetschs beeindruckender Schlusssatz wird abgerundet durch schwermütige Musikuntermalung aus Jarres Filmmusik zu »Dr. Schiwago« und das Geräusch plätschernden Wassers im Silbersee, was auch nach 50 Jahren noch Gänsehaut erzeugt. Kuriosa: Josef Dahmen "besuchte" den Silbersee hier bereits zum zweiten Mal. In der WDR-Produktion »Der Schatz im Silbersee« von 1955 sprach er die Rolle des Schichtmeister Watson aus Sheridan, der sich den Westleuten auf dem Weg zu See anschließt. Auch für Benno Gellenbeck war »Der Schatz im Silbersee« kein Neuland. Er hatte in der Philips/FASS-Version des Hörspiels 1962 den Häuptling »Großer Wolf« gesprochen und war im selben Jahr auch als Synchronsprecher des Woodward in der Verfilmung von »Der Schatz im Silbersee« zu hören. |
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| 2. Kommentar von Pitichinaccio |
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Es tut mir aufrichtig leid, aber ein besseres Zitat aus dem Hörspiel, das auch schon mein Vorkommentator Carl Mai auswählte, fällt mir beim besten Willen nicht ein. Der bewegende Schluss der Geschichte, den die ebenso ruhigen wie anrührenden Klänge aus der Filmmusik zum Film »Doktor Schiwago« neben den auslaufenden Wellen des Silbersees begleiten, ist wohl aber auch nur schwerlich zu überbieten. Die Aufnahme gehört zu meinen ältesten Kindheitserinnerungen, und ich hätte es mir damals nicht träumen lassen, dass mit dem Weihnachtsfest Anfang der 1970'er Jahre eine Familientradition ihren Anfang nahm, welche von den ignoranten Erwachsenen über Jahre am Leben gehalten werden sollte: das vollständige Ignorieren der Tatsache, dass Hörspielreihen in der Regel auch einen ersten Teil haben. So erhielt ich am besagten Weihnachtsabend die zweite Folge von »Der Schatz im Silbersee« und parallel dazu »Winnetou III (1. Folge).« Während bei dem letztgenannten Hörspiel derart viele Informationen fehlten (immerhin waren mir »Winnetou I« und »Winnetou II« bis dato völlig unbekannt) und es ja auch keinen wirklichen Schluss für mich gab (»Winnetou III (2. Folge)« hatte der boshafte Weihnachtsmann nicht auf seiner Liste gehabt), konnte man sich beim »Schatz im Silbersee« immerhin einiges zusammenreimen. Gut, wer Cornel Brinkley war, warum er gleich zu Beginn der Geschichte »nackt und verkehrtherum« aufgehängt und von den Indianern auch noch verstümmelt wurde, entzog sich meiner Kenntnis. Aber das spielte im weiteren Verlauf der Geschichte ja auch keine große Rolle mehr. Dafür fesselten einen die ganzen Kämpfe der Indianer und der Weißen, die sich nun alle auf den Weg zum Silbersee machten. Utahs, Navajos, Apatschen und Timbabatschen ... was für ein herrliches Durcheinander. Und zwischen allen der stets souveräne Old Shatterhand mit der Stimme Michael Poelchaus: Ja, aus solch einem Stoff wurden Helden gemacht! Aber auch die übrigen Darsteller konnten sich hören lassen, allen voran Konrad Halver in seiner Paraderolle als Winnetou. Halver ist auch die Hörspielfassung vom »Schatz im Silbersee« zu verdanken, und ich muss gestehen, dass - nachdem mir circa 20 Jahre später endlich der erste Teil des Hörspiels in die Hände fiel - die sehr ausführliche erste Episode auf dem Raddampfer »Dogfish« die ganze Produktion etwas unwuchtig macht. Während hier der Streit um Cornel Brinkley minutiös geschildert wird, müssen später die Ereignisse doch recht gerafft wiedergegeben werden, um mit zwei LPs für den Roman auszukommen.
Erwähnt werden muss in jedem Fall ein grandioser Musikeinsatz, nämlich die Verwendung zweier Passagen aus Antonín
Dvořáks Symphonie »Aus der Neuen Welt«. Natürlich konnte ich als kleiner Hörer die Einlage nicht zuordnen, aber die
Musik, die nach Old Shatterhands Worten »Vor den Utahs werden wir uns allerdings in Acht nehmen müssen.« einsetzt
und die vom Erzähler übernommene Beschreibung der Rocky Mountains untermalt, jagte mir damals schon einen respektvollen
Schauer über den Rücken:
Fazit: Wie man meinem Kommentar entnehmen kann, kam es mir auf die Handlung letztlich gar nicht mehr an. Der Versuch, mir zusammenzureimen, was wohl im ersten Teil der Geschichte geschehen war, und die mitreißende Musik der Produktion waren mir Unterhaltung genug. Aber was blieb einem als kleiner Stöpsel denn auch anderes übrig, wenn einem die Erwachsenen zusammenhanglos irgendwelche Hörspiele schenkten? Allen Eltern kann ich daher nur zuraten: Wenn Sie sicherstellen möchten, dass Ihre Kinder verstehen, warum zum Beispel der Kopf des Tierbändigers Salvatore Venuti im Rachen eines Panthers zerknackt wird, warum man den »Roten Cornel« nackt und verkehrtherum aufgehängt verstümmelt und wieso es dem »Großen Wolf« ganz recht geschieht, dass ihm »Langes Ohr« eine Fackel in die Augen stößt, dann kaufen Sie Ihren Kindern immer erst den ersten Teil einer mehrteiligen Produktion! |
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