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1. Kommentar von Pitichinaccio




Sollte ich einmal in die Situation kommen, einem anderen zu erklären, was ein gutes Hörspiel ausmacht, so würde ich ihm ohne weitere Ausführungen »Rübezahl - Eine Sage aus dem Riesengebirge« vorlegen und sagen: "Hör' es dir einfach an."

Nein, wirklich: In meinen Ohren wurde hier im Jahr 1969 eine Aufnahme produziert, die man mit den damaligen Mitteln der Technik nicht besser hätte gestalten können. Thema, Hörspielbearbeitung, Besetzung, Interpretation, Musikauswahl und nicht zuletzt die Covergestaltung bilden aus meiner Sicht eine durchweg gelungene Symbiose, die ihresgleichen sucht.

Es war sicher ein unverhofftes Privileg der frühen kommerziellen Hörspieljahre, auf ein noch nicht sehr beackertes Feld von literarischen Vorlagen zurückgreifen zu können. Waren es nun Romane, Erzählungen und Märchen oder - wie in diesem Fall - Sagen und Mythen ... alles harrte einer zeitgemäßen Vertonung für Kinderohren. Der Vorteil für die Schallplattenfirma: lizenzfreie Stoffe. Der Vorteil für die kleinen Konsumenten und ihre Eltern: interessante Literatur, mit der ganz nebenbei und zumeist ohne erhobenen Zeigefinger Allgemeinwissen und Kultur vermittelt wurden.

Nachdem Konrad Halver schon 1967 bei den historischen Stoffen »Siegfried - Die Nibelungensage« und »Die Irrfahrten des Odysseus« mitgesprochen hatte, gehört neben seinen Debütwerken »Biblische Geschichten« und »Der Schatz im Silbersee« auch das vorliegende Skript zu seinen ersten Schritten im Bereich der Hörspielbearbeitung. Lagen die »Biblischen Geschichten« thematisch eher am Rand der gängigen Kinder- und Jugendhörspiele, so befriedigte »Der Schatz im Silbersee« schon eher den Drang nach spannenden und populären Abenteuern. Gleichwohl litt die Umsetzung des Karl-May-Romans etwas an der mangelnden Ausgewogenheit der erzählten Geschichte. Ausufernde Szenen, wie zum Beispiel an Bord des Raddampfers gleich zu Beginn des Hörspiels, wechselten mit äußerst knappen Zusammenfassungen von Ereignissen, wie etwa der Kampf am Eagle Tail.

Bei »Rübezahl - Eine Sage aus dem Riesengebirge« hatte Konrad Halver offenbar schon aus diesem Fehler gelernt. Aus dem großen literarischen Fundus zu dieser Sage hatte ihm offenbar »Legenden des Rübezahl« von Johann Karl August Musäus als Vorlage gedient, in welchem fünf Erzählungen zusammengefasst sind. Da eine LP nun einmal eine auf maximal 60 Minuten begrenzte Spieldauer mit sich brachte, entschied sich Konrad Halver, eine der Sagen - die um den Bauern Veit, welcher sich von Rübezahl Geld leiht, seine Schuld aber erlassen bekommt - nicht mit umzusetzen. So war mehr Raum für die übrigen vier Geschichten, welche sich auf die gut 55 Minuten Spieldauer ungefähr zu je einem Viertel verteilen.

In meinen Ohren gerieten die Adaptionen ausgezeichnet, denn trotz dramatischer Erzählweise bleibt genügend Raum, welcher eine Charakterisierung der handelnden Personen zulässt. Dies trifft natürlich in erster Linie auf den Berggeist selbst zu, dessen Eigenschaften wie Zuneigung, Verständnis und Gutmütigkeit, aber auch Rachedurst, Jähzorn und Schadenfreude überzeugend vorgestellt werden können. Dies ist nicht unwichtig, denn auch in der Literatur und den zahllosen Legenden um Rübezahl gibt es keine wirklich grundlegende charakterliche Einordnung seines Wesens.

Gewollt oder ungewollt stand dem EUROPA-Studio seinerzeit ein für diese Produktion mehr als passendes Ensemble zur Verfügung. Hans Paetsch als Erzähler, Josef Dahmen als Rübezahl und Helga Panzer als Gräfin Cäcilie (leider viel zu selten unter dem EUROPA-Label zu hören) mögen hier stellvertretend für die gesamte Besetzungsliste stehen. Abgesehen von kleinen Doppelbesetzungen, die sich bei der Vielzahl der handelnden Personen kaum vermeiden lässt, scheint es fast so, als wäre es bei den zur Verfügung stehenden Künstlern zwingend gewesen, dieses Hörspiel zu produzieren.

Es gibt vor allem in Filmen bestimmte Rollen, die man sich ohne den jeweiligen Interpreten oder die jeweilige Interpretin kaum vorzustellen vermag. Ich denke da an Margaret Rutherfords unsterbliche Jane Marple (welche der Buchvorlage überhaupt nicht nahekommt), Pierre Brice als Winnetou oder Christopher Lee in der Rolle des Grafen Dracula. Nun hinterlässt ein Kinofilm (oder gar eine ganze Reihe davon) natürlich mehr Eindruck als ein einzelnes Hörspiel, aber in meinen Ohren ist Josef Dahmen der Rübezahl schlechthin. Seine knarzige Stimme, welche die ganze Palette von Gefühlen abzudecken vermag, ist für mich untrennbar mit dem Berggeist Rübezahl verbunden.

Schön zu hören ist aber auch, dass die übrigen Sprecher ihre Aufgabe ernst nehmen. Selbst in den kleinen Rollen wie der des alten Kaufmanns (Albert Johannes), der ebenso tapferen wie besonnenen Ilse (Heike Kintzel) und nicht zu guter Letzt der Gräfin Cäcilie (Helga Panzer) präsentieren die Stimmen der Künstler konturenreiche Personen. Ja, selbst der Kurzauftritt von Horst Beck als Richter, der die am Galgen baumelnde Vogelscheuche so schnell wie möglich entfernen lassen möchte, ist großartig geraten.

Ich kann es nicht anders als einen "Geniestreich" bezeichnen, wie Andreas Beurmann diese Produktion mit Musik versah. Mit zwei Ausnahmen (»Der Brautraub« und »Solveigs Lied«) griff er fast vollständig auf die beiden »Peer Gynt«-Suiten von Edvard Grieg zurück, wobei die Verwendung der Nummer »In der Halle des Bergkönigs« quasi als Leitmotiv für Rübezahl dient. Wirklich, das hätte man genialer nicht kombinieren können.

Musikalisch ebenso passend und stimmungsvoll gerieten die Szenen bei der Feier des vermeintlichen Dr. Springsfeld sowie auf dem Karlsbader Ball, die Andreas Beurmann ebenfalls mit klassischer Musik unterlegte. Kleine Notiz am Rande: Während Händels »Concerto grosso« seinerzeit tatsächlich bei einer Soirée des Kurarztes hätte erklingen können, so stellt die Verwendung des Strauß-Walzers »Du und Du« einen puren Anachronismus dar, denn der Karlsbader Ball müsste vor 1783 stattgefunden haben (Veröffentlichungsdatum dieser Erzählung), während Johann Strauß (Sohn) seinen Walzer erst knapp einhundert Jahre später komponierte. Aber diesen Umstand zu bemängeln hieße wirklich, Erbsen zu zählen ...

Im Vergleich zu manch anderer »Rübezahl«-Hörspielproduktion besticht das vorliegende Cover mit einem durchweg liebevoll gestalteten Gesamteindruck. Dies beginnt mit dem wie aus kleinen Baumstämmen zusammengesetzten Titel »Rübezahl«, der über das Gemälde von Moritz von Schwind gelegt ist - eingebettet in einen rustikalen Rahmen, der die Grundfarbe des Bildes angenehm aufgreift.

Es sind Produktionen wie diese, welche den Versuch dieser Homepage, die Hörspielschätze der Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, mehr als rechtfertigen. Sie sind einfach





Bewertung:










2. Kommentar von Max




Manche Leute sagen, es gibt Berggeister.

Manche Leute sagen, es gibt keine Berggeister.

Ich aber sage: Rübezahl ist ein Berggeist
mit klobigen Holzpantinen.

Rübezahl, der Herr des Riesengebirges, ist die zentrale Figur der schlesischen Sagenwelt. Unzählige Geschichten ranken sich den Herrn der Berge. In erster Linie gilt er als Beschützer der heimischen Flora und Fauna. Menschen zeigt er sich in vielerlei Gestalt und neigt dazu, sie zu necken oder gar zu strafen, ist aber auch guten Menschen gegenüber freundlich und hilfreich gesinnt.

Während die Sagen wie so üblich zunächst nur mündlich weitergegeben wurden, gab Johannes Praetorius ab 1662 erste Bände mit gesammelten Geschichten um den Berggeist heraus und legte damit einen Grundstein für literarische Bearbeitungen und Herausgaben von Märchensammlungen. 1783 erschien das Buch »Volksmärchen der Deutschen« von Johann Karl Augustus Musäus, welches fünf ausformulierte Legenden um Rübezahl enthält. Diese Ausgabe wurde von Konrad Halver für seine Bearbeitung genutzt und verwandelt die mitunter sehr sperrige Vorlage in eine intelligente Hörspielfassung. Umgesetzt wurden vier der fünf Legenden.

Hans Paetsch ist dabei natürlich der Erzähler. Josef Dahmen macht seine Sache als Rübezahl wirklich ausgezeichnet und fährt eine stimmliche Palette auf, die dem Gestaltswandler sehr gerecht wird. Ebenso hervorragend ist die musikalische Untermalung mit Edvard Griegs »Peer Gynt«-Suiten, wobei das Stück »In der Halle des Bergkönigs« als musikalisches Leitmotiv das ganze Hörspiel durchzieht und der »Arabische Tanz« perfekt als Überleitung zwischen den Geschichten passt. Es ist überhaupt ein Qualitätsmerkmal der Märchenvertonungen unter Konrad Halver, bei denen Wort und klassische Musik eine Symbiose bilden.

In der ersten Erzählung erfährt man, wie Rübezahl zu seinem Namen kam. Dem Berggeist wurde das Leben in seiner unterirdischen Welt zu langweilig und er beschloss, der Oberwelt einen Besuch abzustatten. Dabei verliebte er sich in die schöne Prinzessin Adelheid, die er bei nächster Gelegenheit in sein Reich entführt. Diese möchte natürlich keineswegs den alten Zausel heiraten. Ein Besänftigungsversuch des Berggeistes, mit aus Rüben erzeugten Gespielinnen der Prinzessin den Aufenthalt in der Unterwelt angenehmer zu machen, misslingt aufgrund der begrenzten Haltbarkeit der Rübenmenschen. Die Prinzessin trifft nun alle Vorbereitungen zur Flucht und lässt, um Zeit zu gewinnen, den Bergriesen auf seinem Feld Rüben zählen. Als dieser das Ablenkungsmanöver durchschaut, ist die Prinzessin jedoch schon längst auf und davon.

Herma Koehn spricht die schöne Prinzessin sehr gut, weil sie diese nicht als arme hilflose Entführte darstellt, sondern dem Berggeist durchaus Paroli bieten kann. Besonders die Fluchtszene ist gelungen. Man hat hier wirklich das Gefühl, dass Sie um ihr Leben fürchten muss. Eine tolle Leistung, wenn man sich die Aufnahmesituation im sicheren Wohnzimmer berücksichtigt. Auch die Effekte sind für die Entstehungszeit gelungen und werden sehr großzügig verwendet. Dauernd zischt, gluckert und poltert es in der Unterwelt. Schon diese Einzelgeschichte ist für sich betrachtet ein kleines Juwel der EUROPA-Hörspiele.

Die zweite Geschichte fällt dagegen etwas ab und ist auch die Kürzeste. Nachdem der Berggeist in seiner Wut und seinem Liebeskummer einige Jahrhunderte unter der Erde blieb, tritt er wieder an die Oberwelt und hört wie ein junger Wanderer, der Schneider Benedix, den Riesen bei dessen Spottnamen ruft. Zornig beschließt der Berggeist, den Burschen zu strafen, begeht in der Gestalt des Schneiders einen schweren Raub und schmuggelt das Raubgut dem unschuldigen Benedix in die Tasche. Dieser soll gehängt werden. Als Rübezahl aber erfährt, dass dessen Geliebte Klärchen sich die Schuld am angeblichen Verbrechen ihres Verlobten gibt, befreit er in Mönchsgestalt den Schneider und mimt selbst den zum Tode Verurteilten bei der Urteilsvollstreckung, wobei sich Rübezahl einen Schabernack für die Schaulustigen nicht entgehen lässt.

Konrad Halver macht als Benedix eine gute Figur und Horst Beck gefällt mir als Richter auch sehr gut. Seine Tochter Susanne Beck kann da als Klärchen nicht ganz mithalten. Ihre Verzweiflung nehme ich ihr nicht so richtig ab, jedoch durch den klugen Einsatz von »Åases Tod« aus »Peer Gynt« verfehlt auch diese Szene ihre Wirkung nicht.

Deutlich besser gefällt mir dann wieder die Geschichte um den Glashändler und seiner Fru Ilse. Diese ist mit der Erziehung ihrer zahlreichen Kinder kurzzeitig überfordert und greift als pädagogisches Mittel als Abschreckung zur Anrufung Rübezahls. Als dieser darauf wirklich kommt und den kleinen Schreihals mitnehmen will, verteidigt Ilse ihren Jüngsten derart, dass selbst Rübezahl von der tapferen Mutter beeindruckt ist. Er belohnt sie, indem er das von ihr gesammelte Laub (leider zum Schaden der Ziege) in pures Gold verwandelt. Dem Glaser Steffen jedoch spielt er auf seinem Weg zum Markt einen Streich und bringt dessen ganzes Glas zu Bruch.

Peter Folken ist als Glaser Steffen eine gute Besetzung. Noch besser gefällt mir Heike Kintzel als Ilse, welche die volle Bandbreite ihrer stimmlichen Palette aufbringen kann. Den Höhepunkt findet dieses, als sie ihrem Mann ihr Pech mit der Ziege berichtet und sich dabei vor Lachen nicht einkriegt und bei dessen Schilderung über sein Unglück mit dem Glas endgültig in einen Lachkrampf verfällt.

Als Letzte folgt noch die Geschichte der Gräfin Cäcilie, die sich mit ihren Töchtern auf dem Weg mit der Kutsche nach Karlsbad durchs Riesengebirge befindet. Aus ihrem Unglauben an Rübezahl macht sie dabei keinen Hehl. Umso verdutzter ist sie allerdings, als sie plötzlich von einem kopflosen Reiter überfallen wird, der sich selbst als Rübezahl ausgibt und die Damen mitsamt Kutsche entführt. Der echte Rübezahl greift rettend ein und führt die Damen als Oberst von Riesental in sein Schloss. Dort treffen sie eine vornehme Gesellschaft Karlsbader Kurgäste und Ärzte. Am nächsten Tag setzen die Gräfin und ihre Töchter die Reise fort und treffen in Karlsbad angekommen auf die Bekannten des vorherigen Abends. Doch diese alle haben die Gräfin Cäcilie nie zuvor gesehen und halten die Dame für übergeschnappt. Entrüstet will diese zurück zum Oberst von Riesental reisen und muss feststellen, dass dessen Schloss spurlos verschwunden ist. Sie muss sich eingestehen, den echten Rübezahl getroffen zu haben.

Die nur 1968 eingesetzte Helga Panzer gefällt mir als Gräfin Cäcilie sehr gut, ebenso wie Rudolf Fenner als Kutscher Johann und Michael Poelchau als Wegelagerer. Bei den von Susanne Beck und Herma Koehn gesprochenen Töchtern der Gräfin zeigt Konrad Halver seinen später deutlich verstärkt auftretenden eingebauten Humor in seinen Märchenhörspielen und lässt die beiden die Worte ihrer Mutter mit einem entsetzten "Oh!" wiederholen. (»Verbluten der Gute? Oh!«, »Einen Kopf an den Kopf? Oh!«).

Zum Schluss berichtet Hans Paetsch, dass sich Rübezahl nie wieder gezeigt habe, und man nimmt wehmütig die LP vom Plattenteller und ist enttäuscht, dass es keinen weiteren Teil gibt.

Fünf von fünf Mucks für diese Sternstunde Konrad Halvers.





Bewertung:






»Fünf von fünf Mucks? Oh!«