E 209




Kommentar von Pitichinaccio





»Die jungen Burschen lauschten der Erzählung wie gebannt und merkten nicht, wie die Zeit verstrich. Ruhig brannte das Windlicht auf dem Tisch.«

(Erzähler)




»Das Wirtshaus im Spessart« lauten die einleitenden Worte des Erzählers - und sofort folgen wilde, dissonante Klänge und Donnergrollen, die dem Hörer klarmachen: In dieser Kaschemme sollte man besser nicht einkehren.

Und die Warnung ergeht zu Recht: Eine Räuberbande nutzt die Spelunke, um ihre Opfer zu berauben. Zurzeit erwarten sie die Ankunft der Gräfin Sandau, um den Grafen durch die Gefangennahme seiner Ehefrau erpressen zu können. In diesen Plan werden unbeteiligte Gäste verwickelt, die durch ihr Eingreifen und die gleichzeitige Läuterung des Räuberhauptmannes, der den Gefangenen schließlich die Flucht ermöglicht, die Vollendung der Schurkerei vereiteln können.

Erfreulicherweise folgte man bei dieser Produktion der Hauff'schen Vorlage und nicht dem albernen deutschen Film von 1958 mit Lieselotte Pulver und Carlos Thompson in den Hauptrollen, der eher eine ungelenke Melange aus Komödie, Märchen und Heimatfilm darstellt - deutscher Nachkriegsfilm halt. Wilhelm Hauff hatte seinerzeit (1827) das Märchen vom »Wirtshaus im Spessart« als eigenständige Geschichte konzipiert, ihm aber gleichzeitig die Funktion einer Rahmenhandlung zugewiesen. Denn der Kern des Buches sind die in sich abgeschlossenen Geschichten, welche sich die Reisenden erzählen, während sie bangend die Ankunft der Räuberbande erwarten. So unterhält der Student seine Zuhörer beispielsweise mit der Erzählung »Das kalte Herz«. Im Hörspiel erzählt nur der Fuhrmann eine nicht näher bezeichnete Geschichte.

Die Aufnahme gehört zum Urgestein im EUROPA-Katalog und stammt aus dem Jahre 1966. Sie ist Teil der ersten zwölf Hörspielproduktionen für Kinder und Jugendliche und kann hier und da ihr hohes Alter nicht leugnen. In der Umsetzung des Stoffes gleicht das Hörspiel fast einer Bühnenproduktion, denn Text und Duktus erinnern klar an das Theater der 1960'er Jahre. Wer sich jedoch darauf einlässt, kann sich in eine vorbildlich erzählte Geschichte fallen lassen, deren Akteure gut bis sehr gut besetzt sind.

Ein verlässliches Fundament bietet allein schon Hans Paetsch, der in der Funktion des Erzählers zwar noch recht neu ist, aber maßstabsetzend bis in die heutigen Tage agiert. Auch Susanne Hartau in der Rolle des Felix, der im Laufe der Erzählung in die Maske der Gräfin schlüpft, passt hier ausgezeichnet. Wenngleich Frau Hartau als Jim Hawkins in der »Schatzinsel«-Produktion des gleichen Jahres teilweise nicht wirklich jungenhaft klingt und so der Produktion etwas ihrer Glaubhaftigkeit nimmt, gelingt hier die Interpretation bestens - vor allem eben auch dem Umstand geschuldet, dass der gute Felix im Märchen gerade in der Lage ist, überzeugend eine Frau zu spielen.

Neben Herbert A.E. Böhme (als Räuberhauptmann), einem alten Bühnenveteran, muss vor allem Heike Kintzel positive Erwähnung finden, deren Stimme zwar nie zu meinen Favoriten gehörte, der man aber eine beeindruckende Bandbreite an Interpretationen bescheinigen darf. Gerade im »Wirtshaus« stellt sie dies durch ihre Doppelbesetzung in den Rollen der Wirtin und der Gräfin Sandau unter Beweis. Rudolf Fenner mit seinem schnarrenden Bass ist ein vorbildlicher Fuhrmann und sogar Sven H. Mahlers bisweilen etwas blasierte Art eignet sich gut für den Studenten.




Andreas Beurmanns Kurzauftritt:

»He, Wirtin, aufmachen!«

(siehe dazu auch Kolumne 26)




Musikalisch gesehen findet sich nur ein kurzer Einspieler kurz vor dem Schluss der Geschichte. Sicherlich hätte mehr Untermalung hier und da nicht geschadet, aber sie fehlt auch nicht wirklich, im Gegenteil: Vielleicht geriet der Handlungsstrang im Wirtshaus gerade wegen seiner durchgehenden, nicht durch Musik unterbrochenen Schilderung so atmosphärisch.

Obwohl die Produktion in meinen Ohren so gesehen sehr viel dramatischer und unterhaltsamer klingt als beispielsweise »Die Schatzinsel« (E 212), »Münchhausens Abenteuer« (E 211) oder »Till Eulenspiegels lustige Streiche« (E 208), welche alle zeitgleich mit dem »Wirtshaus« erschienen, brachte es das Hörspiel nie zu einer MC-Version und erlebte ebenso wenig noch die Vergabe der neuen, siebenstelligen Katalognummern im Jahr 1977 mit. Die letzte Aufmerksamkeit erfuhr die Aufnahme circa 1972, als das alte Cover von P. & K. Rudolf durch die etwas ausgefeiltere Zeichnung von Hans Möller ersetzt wurde. Dann verschwand sie stillschweigend aus dem Katalog.

Lediglich eine kleine Nachfrage meinerseits scheint notwendig: Was wurde eigentlich aus dem Drechsler, der zwar mit Felix das Gasthaus erreicht, aber weder mit dem Fuhrmann abreist, noch mit den Gefangenen ins Räuberlager wandert? Ein kleiner Schnitzer im Ablauf der Hörspielfassung, den man aber vernachlässigen kann.

Fazit: Ein zu Unrecht später nicht mehr aufgelegtes Schätzchen aus den frühen Tagen der EUROPA-Hörspiele. Ich ziehe diese Aufnahme jedoch manch einer in Serie entstandenen Produktion vor und komme zu der





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